Zauberberg auf Polnisch

der neue Roman von Paweł Huelle „Castorp“

„Castorp“ von Pawel Huelle ist ein bemerkenswertes Buch. Es liest sich leicht, ohne Anstrengung. Vielleicht kommt man in die Geschichte so schnell hinein, weil man den Helden des Buches sehr gut kennt. Ja, er ist es in der Tat: Hans Castorp, die Hauptfigur aus dem „Zauberberg“ von Thomas Mann. Wie kommt diese deutsche Literaturschöpfung in ein Buch eines polnischen Schriftstellers aus Gdansk? Und wie kommt Huelle auf die Idee, Hans Castorp nach Danzig zu holen? Auch in Polen gehörte der „Zauberberg“ schon immer zu den wichtigsten Klassikern der Literatur, auch in Polen wurde das Buch sorgfältig gelesen. Über das Leben von Castorp, bevor er nach Davos kommt, gibt Th. Mann dem Leser eher spärliche Informationen. Er schreibt über die Herkunft und Kindheit Castorps, vom frühem Tod der Eltern und dem Aufwachsen bei Großvater und Onkel Tienappel. Das Ingenieurstudium wird ebenfalls erwähnt, aber nicht genauer beschrieben. Mann arbeitet mit Bruchinformationen, Andeutungen, Hinweisen. Dies setzt die Phantasie des Lesers frei, er kann sich über die Jugend von Castorp ein eigenes Bild machen.
Auch der Leser des „Zauberbergs“ Huelle geht diesen Weg. Er findet bei Mann den Hinweis, Castorp habe „vier Semester Studienzeit am Danziger Polytechnikum“ verbracht und baut diesen Hinweis zu einem Roman aus.

Wir begegnen Hans Castorp in Hamburg, wo er dem erstaunten Konsul Tienappel seinen Beschluß, in Danzig studieren zu wollen, verkündigt. Wir leisten ihm Gesellschaft auf dem Schiff „Merkur“, mit dem er nach Danzig fährt. Wir lernen mit ihm die Stadt kennen, auch die deutsch-polnische Bevölkerung und ihre Lebensweisen, das Studentendasein am Polytechnikum, den nahe gelegenen Kurort Zoppot mit seinen Sommer- und Kurgästen, und schließlich treffen wir eine unbekannte Schönheit, die Castorps Aufmerksamkeit für lange Zeit auf sich zieht.

P. Huelle macht es sich mit seinem Einfall, Castorp noch einmal zum Leben zu erwecken, nicht leicht. Er stellt sich der Aufgabe und versucht, den Ton des „Zauberbergs“ zu treffen. Deshalb die vielen Beschreibungen, deshalb gibt es Platz für Reflexionen über das Leben, über Zeit und Tod, über Ost und West. Auch Castorps Verhalten, Distanz zu dem bereits Erlebten zu bewahren, wird beachtet. Dieser sensible Umgang mit der Mannschen Vorlage wird belohnt; jetzt kann Huelle von Ideen des deutschen Schriftstellers profitieren. Thomas Mann beschreibt glanzvoll die Psyche seines Helden. Er bringt sie dem Leser nahe, obwohl die psychische Verfassung von Castorp alles andere als vertändlich ist. Wer Castorp kennt, ist an seine Eigenarten gewohnt, sein Verhalten muss nicht erklärt werden. Es überrascht deshalb nicht, dass auch bei Huelle der junge Student weder Nähe zu Studienkameraden noch zu Frauen sucht, er knüpft keine Freundschaften. Er zieht es vor, allein zu sein und über einen Detektiv Informationen über die schöne Polin zu sammeln und alles darauf zu setzen, sie in Zoppot unbeobachtet zu begleiten. Dabei bringt ihn nicht einmal die häufige Begleitung der Angebeteten, die mit einem russischen Offizier heimlich liiert ist, aus der Fassung. Es wundert nicht, dass Castorp – wenn sich die Möglichkeit anbietet, die schöne Polin Pilecka persönlich kennen zu lernen – die Chance nicht ergreift. Zuviel Nähe, der Leser des „Zauberbergs“ weiß es, ist nicht seine Welt.

Die Geschichte, die P. Huelle entwirft, ist auf den „Zauberberg“ gut abgestimmt, trotzdem merkt man, sie ist heute und nicht vor 80 Jahren geschrieben. Wir leben heute in Zeiten der Krimi- und Spannungsgeschichten und nur wenige Autoren wagen es, ganz ohne diese Elemente auszukommen. Auch bei Huelle sorgt zum Schluss ein Mord für erhöhte Spannung. Der russische Offizier wird ermordet und nun ist es Castorp zu verdanken, dass Frau Pilecka nicht in das Verbrechen verwickelt wird. Castorp sagt vor der Polizei aus, dass Frau Pilecka die Nacht in der Pension in Zoppot in ihrem Zimmer, das neben seinem liegt, verbracht habe, obwohl er weiß, er sagt die Unwahrheit. Als Belohnung dafür kann er das erste Gespräch mit Angebeteten führen und erfährt mehr über die Ereignisse in der Nacht. Jetzt sind sie durch ein Geheimnis verbunden, aber ihre Geschichte erfährt keine Fortsetzung. Frau Pilecka bricht bald nach Warschau auf, Castorp selbst fährt nach Hamburg. Nach der Semesterpause kehrt er nicht mehr nach Danzig zurück. Der Aufenthalt im Osten wird für ihn zu einer Erfahrung, in der „die mühsam erarbeiteten Formen im Chaos versinken“, wovor ihn schon der Onkel Tienappel vorzuwarnen versuchte.

Der Osten verändert, der Osten bringt manchmal unerwartete Abwege. Der Autor Huelle belässt es bei der Feststellung. Man könnte es vielleicht auch positiv deuten: im Osten kann man das Unberechenbare finden. Man trifft hier auf Geheimnisse, die zwar beschrieben, aber nicht ganz aufgeklärt werden. Oder sind sie nur – wie das Buch des polnischen Schriftstellers – Produkte der Phantasie?

Paweł Huelle. „Castorp“. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. C.H. Beck, München 2005.

Erschienen in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 23/24

Mythen und Geschichte

Szczepan Twardoch wird als neuer Stern am polnischen Literaturhimmel bezeichnet. Mit seinem Roman „Morfina“ gelang ihm in Polen der Durchbruch und er wurde u. a. mit dem renommierten Polityka-Passport-Preis ausgezeichnet. In Deutschland wurde er zu mehreren Literaturfestivals eingeladen, war im April dieses Jahres Gast des Literarischen Colloqiums Berlin und stellte dort die deutsche Ausgabe seines Romans vor.

Iwona Uberman: Die Hauptfigur Ihres Romans „Morphin“ ist Sohn einer Schlesierin und eines deutschen Adeligen, ein Pole aus Erziehung und aus freier Wahl, ein Deutscher von der Herkunft her und auf Befehl des polnischen Untergrunds, der sich nach der Niederlage der polnischen Armee im September 1939 formiert hat. Wie haben Sie dieses Thema für sich gefunden?

Szczepan Twardoch: Auf die Frage, woher man die Ideen nimmt, gibt es wahrscheinlich keine gute Antwort. Nicht ich habe dieses Thema, das Thema hat mich gefunden. Die Bücher kommen mir einfach in den Sinn, ich bin nicht derjenige, der sich die Themen aussucht oder erarbeitet. Die Frage nach nationalen Identitäten, insbesondere der zusammengesetzten Identitäten, hat mich schon immer interessiert. Besonders solche wie die Identität der Hauptfigur von „Morphin“, die komplizierter ist, als dass er ein Pole aus freien Stücken ist - in Wirklichkeit versucht er, niemand, also weder Deutscher noch Pole, zu sein. Im Übrigen ist das nicht das einzige Thema des Romans, mein Buch ist vielstimmig.

Iwona Uberman: Worüber handelt es noch?

Szczepan Twardoch: Es ist ein Buch über Warschau, sicherlich auch ein Buch über Frauen und über Sex, über Geschlechter im Allgemeinen. Es ist ein Buch über Krieg und darüber, was er mit Menschen macht. Auf einer gewissen Ebene ist es auch ein Männer-Roman, über ein schönes Leben, das nicht gelingen will. Worüber noch? Über Autos, Waffen, Drogen, darüber, wie herrlich es ist, mit einer schönen Frau und einer Luxuskarre eine Reise in die Fremde zu machen…

Iwona Uberman: Womit haben Sie angefangen, es zu schreiben?

Szczepan Twardoch: Mit dem Anfang. Ich fange meine Bücher gewöhnlich mit der ersten Seite an und höre mit der letzten Seite auf. Ich weiß, dass dies nicht alle so tun, aber ich arbeite so.

Iwona Uberman: Das Thema des Zweiten Weltkriegs ist in Polen immer noch ein lebendiges Thema, dessen man sich mit großer Pietät annimmt. Heldenhafter Kampf gegen den Feind und Leiden des polnischen Volkes sind Angelegenheiten, die nicht infrage gestellt werden.

Szczepan Twardoch: Alles kann man infrage stellen. Der Zweite Weltkrieg ist vor 70 Jahren zu Ende gegangen, er wird also demnächst zu einem ähnlichen Thema wie die „schwedische Sintflut“ in Polen oder der Januaraufstand von 1863. Wenn die letzte Generation, die ihn erlebt hat, nicht mehr am Leben sein wird, wird er nicht länger so starke Emotionen hervorrufen. Es ist unvermeidbar und ich glaube, dass man in Polen einen großen Teil der Geschichte wird neu schreiben müssen, weil wir gegenwärtig keine Geschichte, sondern eine Ansammlung von Mythen an ihrer Stelle haben. Jede Gemeinschaft braucht natürlich solche Mythen, deshalb braucht auch Polen die seinen. Aber neben den Mythen braucht man auch eine Geschichte. Ich verstehe darunter die Aufarbeitung historischer Tatsachen und Dokumente, die dann in die Identität der Gemeinschaft eingehen. Ich würde sogar sagen, es geht hier um eine therapeutische Aufarbeitung der Bedeutung der Vergangenheit. So etwas ist notwendig, um überhaupt anfangen zu können, über sich in mehr realen, mit Wirklichkeit verbundenen Kategorien zu denken.

Iwona Uberman: Polnische Mythen sind zurzeit weit verbreitet. Befürchteten Sie nicht, dass Ihr Buch, das in gewissem Sinne „die Kehrseite der Medaille“ zeigt, auf große Entrüstung treffen wird?

Szczepan Twaroch: Ich denke überhaupt nicht in solchen Mustern und habe keinesfalls Angst davor – was sollte man hier befürchten? Man braucht vor Entrüstung keine Angst zu haben, sie schadet doch keinem nirgendwo.

Iwona Uberman: Für „Morphin“ bekamen Sie einen wichtigen Preis „Paszport Polityki“, der in Polen viel Prestige hat, kurz danach wurde das Buch mit sechs anderen für das Finale des Nike-Preises 2013 nominiert, der wichtigsten polnischen Literaturauszeichnung. Es gewann dort den Publikumspreis. Wie erklären Sie diesen Erfolg und die Tatsache, dass der Roman in ganz verschiedenen Leserkreisen zum Bestseller wurde?

Szczepan Twardoch: Ich habe keine Ahnung. Wenn ich es wüsste, würde ich ausschließlich Bestseller schreiben.

Iwona Uberman: „Morphin“ ist inzwischen auf Deutsch in der Übersetzung von Olaf Kühl erschienen. Wie ist die deutsche Resonanz auf das Buch?

Szczepan Twardoch: Die Besprechungen, die in der FAZ und in „Die Zeit“ erschienen, waren sehr positiv. Mein Buch ist hier erst seit einem Monat im Buchhandel erhältlich.

Iwona Uberman: In Berlin-Wannsee, im Literarischen Colloquium Berlin, wo Sie sich in den letzten Wochen als Gast aufhielten, gab es ein Publikumsgespräch mit Ihnen. Der Saal war voll.

Szczepan Twardoch: Das stimmt, es kamen viele Leute. In Köln gab es auch ca. 250 Personen beim Publikumstreffen während des Literaturfestivals Lit.Cologne. Möglicherweise kamen viele von ihnen wegen des Schauspielers Sylvester Groth, der die Buchausschnitte vorlas – übrigens, er tat es wirklich phänomenal.

Iwona Uberman: Werden Sie sich auch in Zukunft mit der deutsch-polnischen Thematik beschäftigen?

SzczepanTwardoch: Ich denke schon. Ich würde lieber über etwas anderes schreiben, aber andererseits sind diese Themen für mich persönlich wichtig, deshalb befasse ich mich mit ihnen.

Iwona Uberman: Wegen Ihrer schlesischen Herkunft?

Szczepan Twardoch: Ja, es hängt mit meiner Familiengeschichte zusammen. Sie war oft auf eine dramatische Weise in diese zwei großen Identitäten, eine polnische und eine deutsche, verwickelt. In der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg lebte meine Familie auf beiden Seiten der Grenze, sowohl in Polen als auch in Deutschland, nicht weit voneinander entfernt; die Dörfer lagen nur etwa 10 km auseinander, jedoch auf verschiedenen Seiten der Grenze. Die Erfahrungen der beiden großen Kriege sowie der Kämpfe um Schlesien waren so dramatisch und hinterließen auf meinen Urgroßeltern und Großeltern so starke Spuren, dass sie auch für mich wichtig geblieben sind. Es sind sehr lebendige, stark prägende Erinnerungen.

Iwona Uberman: Manche Themen finden also nicht ohne Grund zu Ihnen.

Szczepan Twardoch: Das stimmt.

Iwona Uberman: Einige Kritiker meinten, dass Ihr Buch eine polnische Antwort auf „Wohlgesinnte“ von Jonathan Littell ist. Was sagen Sie dazu?

Szczepan Twardoch: Mein Buch antwortet auf kein anderes Buch. Ich führe in ihm kein Dialog mit einem anderen Schriftsteller, ich sehe kein Bedürfnis, mit einem Roman ein Gespräch mit einem anderen Roman zu führen. Man könnte sich aber fragen, ob in meinem Buch Ähnlichkeiten mit „Wohlgesinnten“ zu finden sind. Wahrscheinlich ja, sollte ich jedoch selbst meine wichtigeren Inspirationsquellen benennen, würde ich eher Célines „Reise ans Ende der Nacht“ und allgemein den expressionistischen Roman angeben.

Iwona Uberman: Man hat Sie auch mit Gombrowicz verglichen…

Szczepan Twardoch: Ich übernehme keine Verantwortung dafür, mit wem ich verglichen werde. Ich kenne natürlich die Werke von Gombrowicz, habe vieles von ihm gelesen, aber Gombrowicz‘ Schreiben hat mich nicht besonders stark geprägt. Andererseits ist der Einfluss dieses Schriftstellers auf die zeitgenössische polnische Kultur, auf unser Denken über die Literatur oder auch Denken durch Literatur so groß, dass man ihn nicht abstreiten kann. Wer auf Polnisch heute, d.h. im ersten oder zweiten Dezennium des 21. Jahrhunderts, Romane schreibt und wer dies bewusst tut, kann sich dem Einfluss von Gombrowicz nicht ganz entziehen, da dieser Autor das polnische Denken über Literatur auf den Kopf stellte und aufs Neue formte.

Iwona Uberman: In der polnischen Originalausgabe Ihres Buches gibt es mehrere Sätze auf Deutsch. Wie nahe ist Ihnen deutsche Sprache?

Szczepan Twardoch: Ich lese und verstehe gut Deutsch, aber ich spreche Englisch. Trotz langjähriger Anstrengungen meiner Großmutter. Vielleicht hängt es aber mit meiner noch früheren Kindheit zusammen, als meine Großeltern ins Deutsche wechselten, wenn sie nicht wollten, dass wir sie verstehen.

Iwona Uberman: Sie haben bereits etwas längere Zeit in Berlin verbracht. Wie finden Sie diese Stadt?

Szczepan Twardoch: Berlin ist fantastisch, es gefällt mir sehr gut. Ich denke, dass diese Stadt neben Warschau zu meiner Lieblingsmetropole wird.

 

Übersetzt von Iwona Uberman 

Erschienen in: MOE-Kultur-Newsletter Ausgabe 94

Von Wrocław nach Manhattan

Piotr Siemion „Picknick am Ende der Nacht“

Es ist kein Buch, das man jedem empfehlen kann. Keines, das auf den Bestseller-Listen ganz oben stehen würde. Und es ist wahrscheinlich auch kein Buch, das viele Leser als ihr Lieblingsbuch bezeichnen würden. Und trotzdem, in der polnischen Literaturlandschaft ist dieses Buch wichtig, da es bis heute kaum Romane gibt, die Schicksale einer ganzen Generation der Polen (geboren in den 60er Jahren) festhalten. Dieses Buch ist auch interessant für Nicht-Polen, die etwas Genaueres über das Alltagsleben der etwa 20-jährigen in Polens Großstadt Wroclaw vor 1989 erfahren wollen und die gern die verkürzte, verallgemeinernde, allumfassende Floskel: „dort war alles verboten, dort herrschte Kommunismus“ gegen Eindrücke mit deutlichen Konturen, die fiktiv-wahre, vielleicht sogar autobiografische Bilder bieten, austauschen wollen. Weiter ist dieses Buch interessant für alle Leser – Polen und Nicht-Polen – die sich für Schicksale von vielen jungen Polen interessieren, die Mitte der 80er Jahre dank gelockerter Passformalitäten endlich ins Ausland ausreisen konnten. Viele von diesen damaligen Vagabunden versuchten erfolglos dauerhaft im Ausland Fuß zu fassen, viele von ihnen kehrten nach 1989 nach Polen zurück. Neben den Schicksalen einiger junger Leute zeichnet Siemion ein allgemeineres Bild des großen Umbruchs. Seine Auswirkungen auf den Alltag und die Versuche, sich an die neue Realität anzupassen, werden interessant in Schnappschüssen und mit einem humor- und ironievollen, kritischen Blick vermittelt. Auf ihre Kosten kommen auch diejenigen, die für ein anderes Thema, das des Lebens von Filmemachern, etwas übrig haben. Diese Geschichte berührt aber nur sehr am Rande den polnischen Kontext. Um jedoch nach der Aufzählung von so vielen interessanten Inhalten keine zu großen oder auch falschen Erwartungen zu wecken, ist es wichtig zu sagen, dass das Buch keine umfassende Darstellung der polnischen Realität vor und nach 1989, keine tiefer gehende Analyse dieser Zeiten ist. Siemion versucht ein Wechselspiel zwischen allgemeineren Darstellungen und Unterhaltung und oft setzt sich die Unterhaltung durch. Die Reflexion bleibt auf der Strecke und die Geschichte zeigt nur eine Oberfläche, die auf viele Erfahrungen und tiefere Einsichten verweist, bringt sie aber nirgendwo richtig zur Sprache.

Die Geschichte ist glänzend konstruiert, fängt spannungsbeladen an. Ein Mann rettet sich mit großer Mühe aus einem Fluss. Es ist die Oder. Es ist zwar Sommer, aber es ist mitten in der Nacht und der Schwimmer badet voll bekleidet. Er badet nicht freiwillig. Von fremden Männern auf einer Brücke angegriffen, wird er ins Wasser geworfen, ehe er sich versieht. Beim Schwimmen verliert er seinen Pass und seine Wohnungsschlüssel. Er ist Engländer und es ist, 1983, gerade sein erster Tag in Wroclaw, wohin er wegen einer Theaterhospitanz für einige Monate gekommen ist. Der junge Engländer wird noch in derselben Nacht eine Gruppe junger Polen treffen und sie werden ihm während seines Aufenthalts in der Stadt ans Herz wachsen. Der „Engländer“ (er hat als einziger im Buch keinen Namen) wird ein paar Jahre später einige dieser polnischen Bekannten in New York wiedertreffen, wohin auch ihn das Schicksal verschlagen hat. Nicht zuletzt wegen ihnen (insbesondere einer von ihnen) wird er 10 Jahre nach dem ersten Wroclaw-Besuch in die Stadt zurückkehren, um wieder, wie beim ersten Mal, unerwartet in kalten und trüben Oder-Gewässern zu landen. Diesmal zusammen mit zwei seiner anstrengenden, nicht immer fairen und doch so lieb gewonnenen polnischen Altbekannten.

Zwischen dem ersten und dem zweiten ekligen Oderbad liegen 10 Jahre, in denen das Leben in Polen grundlegenden Veränderungen unterzogen wurde. Da das Leben manchmal unberechenbar verläuft: bekommt die Generation der in den 60ern in Polen Geborenen eine reale Möglichkeit, zu erfahren, was passiert, wenn die Träume doch in Erfüllung gehen. Mitte der 80er Jahre werden die Ausreisebestimmungen gelockert, wer will, darf raus. Viele ergreifen diese Chance, auch einige von Siemions Helden. Sie erreichen westeuropäische Länder, Kanada oder die USA, um sich dort nach einer Weile zu fragen, wie geht es nach dieser ersten Hürde weiter? Siemions Wroclawer wollen nach New York, können aber nur ein Visum nach Kanada oder Mexiko bekommen. Ob man sich damit arrangiert oder über die Grenze illegal nach N.Y. gelangt, wird unterschiedlich gelöst. Wer nirgendwo ein Visum bekommt, versucht es mit einem Vertrag z. B. auf einem ausländischen Kreuzfahrtschiff. Als Bedienung, Bauarbeiter, Zigarettenschmuggler und nicht zuletzt als Prostituierte machen die Polen die Erfahrung, dass es für sie nicht weiter geht. Ob nicht legalisierte Aufenthaltsverhältnisse, karge Sprachfähigkeiten, unzureichende Fachfähigkeiten, es sind unterschiedliche Gründe, die sie hindern, Fuß zu fassen oder sich zumindest eine Perspektive auf lange Sicht zu schaffen. Das ist ihre neue Lage nicht im sozialistischen Polen, sondern in dieser an sich an Perspektiven- und Chancen so reichen kapitalistischen Welt. Die Welt-Lethargie hat man ja bereits hinter sich gelassen, man befindet sich, wie es eine der Protagonistinnen, Lidka, sagt, „in Bewegung“, landet aber auf einer noch niedrigeren Stufe der Existenz als vorher zu Hause in Polen. Und man kommt nicht weiter. Es ist nicht leicht, sich das einzugestehen und die Konsequenzen daraus zu ziehen. Für die meisten gibt es nur eine einzige vernünftige Lösung: zurückzugehen.

Es ist etwas schade, dass Siemion bei der Darstellung der Sich-über-Wasser-halten-Existenz seiner Helden in Amerika Action-Bilder bevorzugt. Das macht vielleicht diesen Teil des Buches leichter lesbar und amüsanter, es macht ihn aber gleichzeitig fiktiver und banal. Eine ganze Palette von Erfahrungen einer Gruppe von Menschen wird dadurch nur sehr oberflächlich und sicherlich teilweise verzerrt dargestellt. Da man sonst über diese Übergangs- oder Versuchsexilanten nur wenig weiß - ihre Erfahrungen und Erlebnisse wurden bisher kaum festgehalten - ist dies ein doppelter Verlust. Mit seiner Entscheidung, die Spannung in den Mittelpunkt zu stellen, verliert der Autor (was ihm im ersten Teil, in Polen nicht passiert) viel an Genauigkeit und Glaubwürdigkeit. Drogen-Spritzen unter erfolgreichen Bankmanagern sorgen vielleicht kurzweilig für Unterhaltung, sind aber eher abwegige Vorstellungen. Dasselbe lässt sich über die Fähigkeit derselben sagen, auch unter Alkohol- und Drogeneinfluss Schwert- und Messer-Kampfarten präzise zu beherrschen. Die Beschreibungen von Party-Exzessen, Porno-Szenen, Häuserexplosionen und Kampf- und Fluchtszenen, die es sonst im Überdruss in etlichen Action-Büchern gibt, helfen hier dem Leser nicht weiter und es ist nicht ganz klar, warum der Autor diesen Weg wählt und auf einer Oberfläche, die nicht mal ihre eigene Originalität hat, bleibt.

Zu den schönen Motiven des Buches gehört dagegen die Geschichte des „Engländers“, der von Polen nicht loskommt, den es auch nach allen Schwierigkeiten, unüberbrückbaren Hindernissen (z.B. polnische Sprache!), Unannehmlichkeiten, Enttäuschungen und Unbequemlichkeiten wieder dorthin zieht und der vielleicht – es bleibt offen – für immer sich in diesem komischen Land, jetzt in neuen Zeiten der 90er Jahre, einrichten wird. Siemion findet gute Bilder für die Beschreibung des Lebens der dem „Engländer“ Gleichaltrigen in Polen der 80er Jahre. Nach der langsamen Lockerung des Kriegszustandes kehren Apathie und auch Anarchie ein. Vodka-Partys (für die zuerst Hühner geklaut werden – Fleisch in Läden gibt es nur gegen Kupons), Besuch verbotener Konzerte an geheimen Orten (z.B. einer Stauanlage an der Oder, wo beim Musizieren mehrere Duzend Leute an einem herumgereichten Joint ziehen), Nachtschwimmen in privaten Pools (nachdem man zuerst in den Garten einer Villa einbricht) – das alles wird den „Engländer“ nicht mehr loslassen, auch nicht, nachdem diese Welt verschwindet. Schön ist die Beschreibung der Freundschaft und Verbundenheit unter den Wrocławern und ihre Einsicht, dass auch bei unterschiedlichen Lebenswegen alte Nähe und Vertrautheit eine gute Stütze im Leben sind. Auch die indirekt gezeigte Liebe und Verbundenheit im Guten und Schlechten mit dem Ort „wo man bei sich zu Hause ist“, so Lidka, ist eine Liebeserklärung an Wrocław.

Es ist dem Autor auch gut gelungen, nicht nur die Atmosphäre der 80er Jahre sondern auch die spätere Stimmung des Aufbruchs Anfang der 90er Jahre rüberzubringen.

Man darf auf weitere Bücher von Siemion gespannt sein, wenn er neben seiner Arbeit als Jurist und Übersetzer mal wieder dazu kommen sollte, sich erneut literarisch zu melden. Es wäre schön, wenn er sich dann dem Thema der Polen in den USA (oder nur in N.Y.) annehmen würde. Und es wäre ein großer Gewinn, von ihm eine Darstellung, die dichter an den echten Erfahrungen vieler Emigranten-auf-Probe bleibt, zu bekommen. Da sich der Autor ja selbst eine Existenz in N.Y. aufgebaut hat, würde es ihm sicherlich an wertvollen Beobachtungen und wahrhaftigen Geschichten über seine Landsleute nicht fehlen. Es würde sich bestimmt auch viel Interessantes finden, was vielleicht ein anderes Bild ergeben würde, als nur das altbekannte Klischee über „Putzfrauen, Huren und Bauarbeiter“.

Aber ebenso spannend kann man sich ein Buch vorstellen, das die „Picknick“-Geschichte in Wroclaw Ende der 90er Jahre fortschreibt. Auch dafür dürfte der Autor einen guten Blick und viele spannende Geschichten im Gepäck gesammelt haben. Auch über Wroclaw um 2000 findet sich in der Literatur wenig, obwohl die Stadt inzwischen zu den sich am dynamischsten entwickelnden in Polen gehört und sicherlich mit vielen spezifischen Konflikten und Phänomenen gefüllt ist.

Für seine eventuellen Vorhaben könnte man Siemion den Mut wünschen, bei seinen Dialogen mehr Vertrauen in deren Tragkraft und Denkinhalte zu entwickeln. Seine Protagonisten fangen nicht selten mit interessanten Aussagen und Reflexionen an, wechseln aber leider schnell zum lächerlichen Bla-Bla-Quatsch, als ob ihr Erschaffer nicht glauben würde, sie hätten wirklich etwas zu sagen. Mit dieser Eigenschaft werden übrigens nicht nur die Polen von Siemion ausgestattet, auch der „Engländer“, seine nichtpolnischen Bekannten, Wissenschaftler aus Frankreich, Filmmanager aus den USA und Großbritanien und andere. Es wäre interessanter, diese Leute nicht nur eindimensional in ihrer Unzulänglichkeit, sondern auch in ihrer Ernsthaftigkeit zu präsentieren. Das würde die Bücher von Siemion sicherlich weiter bereichern.

Erschienen in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 55

Piotr Siemion, Picknick am Ende der Nacht, Verlag Volk und Welt, 2000

Deutschen Verlagen wärmstens empfohlen:

„Bitte schön“ der polnischen Autorin Anda Rottenberg

Als 2009 das Buch von Anda Rottenberg „Proszę bardzo“ („Bitte schön“) erschien, schlug es auf dem polnischen Lesemarkt große Wellen. Die Autorin ist in Polen bekannt, allerdings nicht als Schriftstellerin, sondern als Kunstkritikerin und Autorin von Fachbüchern über Kunst. Noch bekannter ist sie als langjährige Leiterin der Nationalgalerie für moderne Kunst Zachęta in Warschau, sowie als Kuratorin zahlreicher Kunstausstellungen in mehreren europäischen Ländern, z.B. der Biennale in Venedig, und außerhalb Europas - der Biennale in Sao Paulo, Ausstellungen in den USA, Russland und Korea, um nur einige Länder zu nennen. Zurzeit bereitet A. Rottenberg eine Ausstellung über 1000 Jahre deutsch-polnische Nachbarschaft vor, dargestellt anhand von Kunstwerken beider Länder. Sie wird ab Herbst 2011 im Martin-Gropius-Bau in Berlin und später in Warschau gezeigt werden.

Die Kritik der Fachwelt und die Stimmen der Leser über das literarische Debüt der Kunsthistorikerin waren sich einig. Man redete von einem ausgezeichneten und sehr provokativen Buch, das sich über die im polnischen Establishment geltenden Umgangsregeln hinwegsetzt, davon, dass es auf dem polnischen Literaturmarkt seit Langem kein ähnlich ehrliches und bewegendes Buch gab. Man sprach über einen Erstling, der reif und konsequent wie selten sei, über den Mut der Autorin zur Wahrheit und darüber, dass es ein Buch sei, das einen nicht loslasse.

„Prosze bardzo“ wurde 2010 für das Finale des wichtigsten literarischen Preises Polens, der „Nike“, ausgewählt. Von einer der bekanntesten polnischen Zeitungen „Gazeta Wyborcza“ wurde es folgendermaßen vorgestellt:

„Das Buch von A. Rottenberg – in ihrer Jugend eine gierige Leserin von Tolstoi und Flaubert – ist vor allem eine Geschichte, die die Lüge der Literatur und ihrer effektvollen Storys enthüllt. Sie prangert auch die Lüge der Kultur an, die uns zuflüstert, wer wir aufgrund des Geschlechts, Religion, Nationalität und Staatszugehörigkeit sein sollen und wie wir uns zu benehmen haben. Es ist eine Geschichte über das Akzeptieren der Form- und Zusammenhanglosigkeit des Lebens und über das Recht aufs Scheitern, das ein unverzichtbares Teil des Lebens ist. Für ihr Erzählen findet die Autorin eine unspektakuläre aber klare Form – indem sie sich meanderförmig zwischen den Polen der Familienvorgeschichte, der Autobiografie und der unbegreifbaren Gegenwart bewegt.“

Das Buch hat viele Themen, von denen jedes für ein komplettes Buch ausgereicht hätte. Eines davon ist die Geschichte der Familie der Mutter, einer Russin, die dem vermögenden russisch - orthodoxen Bürgertum entstammte. Ihre Nächsten und sie selbst waren durch viele Ereignisse der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts schwer betroffen. Revolution, große Hungersnot und stalinistische Säuberungen sind nur einige davon. Die Mutter hat die Belagerung von Leningrad überlebt, später auch einige Jahre eines sibirischen Erziehungslagers. Zur selben Zeit war ihr jüngerer Bruder erst Komsomol dann Offizier der russischen Armee. Bis zum Ende seines Lebens war er der kommunistischen Idee ergeben. Einen zweiten Teil der Familie bilden die Verwandten des Vaters, der aus einer orthodoxen Familie polnischer Juden stammte. Die Wurzeln der Rottenbergs lagen im deutschen aschkenasischen Judentum (der Name kommt vermutlich von Rottenburg am Neckar oder Rothenburg ob der Tauber). Noch Jahrzehnte später pflegte man in der polnischen Vorgebirgslandschaft die alten strengen religiösen Sitten. Der Vater selbst ließ diese Tradition hinter sich, verstand sich als Pole jüdischer Herkunft und Bauernjunge aus der Gegend von Nowy Sacz. Da es ihm gelang, vor den Russen zu verheimlichen, dass er polnischer Soldat war, kam er als Zivilist „nur“ in sibirische Lagergefangenschaft, die ihn vor dem Holocaust rettete. Kaum jemand von seiner großen Familie überlebte.

Die Eltern A. Rottenbergs lernten sich in einem Lager kennen, Anda kam in Sibirien auf die Welt, einige Jahre später ging es in das Heimatland des Vaters. Das Kind ist zweisprachig in Legnica (bis 1945 Liegnitz) aufgewachsen, in den von den Deutschen an Polen verlorenen polnischen West-Gebieten. Familien mit gemischten Nationalidentitäten und mehreren Muttersprachen waren dort nach dem Krieg keine Seltenheit. Dennoch war es für solche Kinder schwer, da sie von den Normen – die natürlich ausschließlich polnisch waren - abwichen. Die Probleme aber auch die Vorteile, die eine solche Ausgangssituation mit sich brachte und die man in Deutschland erst jetzt, 60 Jahre später, in der immer multinationaler werdenden Gesellschaft kennenlernt, wurden in diesem Teil Polens schon viel früher durchlebt. A. Rottenberg hat hinsichtlich dieser Thematik einen großen und vielfältigen Erfahrungsschatz aufzuweisen. Sie erzählt überzeugend von der bewussten, selbstständigen Ausbildung einer polnischen Identität, die in ihrem Fall „nicht auf der Herkunft beruht“, und stellt sich gleichzeitig auf die Seite der Schwächsten, die nicht immer genug Kraft aufbringen können, die Ablehnung ihrer Integrationsversuche durchzustehen. Auch diese in einem Interview von der Autorin selbst geäußerte Intention des Buches wird sichtbar: „Es ist vielleicht ein Versuch, Rechte für Menschen zu erkämpfen, die – genauso wie ich selbst – eine undefinierbare, mosaikartige Identität besitzen“.

Sehr interessant sind auch die Beschreibungen des Lebens in Legnica, nach 1945 eine Stadt mit der größten russischen Garnison in Osteuropa, die ein Drittel der Stadtfläche in Anspruch nahm. Über das damalige Zusammenleben – was häufiger ein streng geregeltes Parallelleben in derselben Stadt war - weiß man sicherlich kaum etwas in Deutschland. Offen gestanden, man weiß darüber nicht einmal besonders viel in Polen.

Ein weiteres interessantes Thema ist der Umgang mit jüdischer Kultur in Polen. Dem deutschen Leser sei in dieser Hinsicht versichert, dass er viel Erstaunliches erfahren kann (besonders der Vergleich mit dem aus Deutschland Bekannten schafft hier ein unerwartetes Spannungsfeld) und dass viele von der Autorin notierte Beobachtungen und Erlebnisse neu und auch für Polen überraschend sind.

Aber auch Leser, die sich weder für die Integrationsthematik, noch für das Judentum oder die Familienforschung besonders interessieren, den aber soziale Probleme und der gesellschaftliche Umgang mit tragischen und gleichzeitig peinlichen – da für Prominente oder angesehene Personen „rufschädigenden“ – Ereignissen am Herzen liegen oder Leser, die gern authentische Kriminalgeschichten mit viel Spannung lesen, werden bei der Lektüre von „Prosze bardzo“ nicht selten gefesselt und überrascht sein. A. Rottenbergs Buch ist auch die Geschichte einer prominenten Frau, deren Sohn drogenabhängig wird und daran zugrunde geht. Bevor er jedoch selbst sein Leben gänzlich zerstören kann, wird er offensichtlich ermordet, was von der Polizei ein Jahrzehnt lang nur widerwillig und schlampig untersucht wird. Was genau und warum geschieht, wird im Laufe der Ereignisse ans Licht geholt. Es fehlt hier nicht an Erkenntnissen, die provokativ wirken mögen, den Leser dadurch jedoch dazu bewegen, manche eigenen Denk- und Handlungsmuster zu überdenken. Als Betroffene, die so offen in der Öffentlichkeit über die tragische Lebensgeschichte ihres Sohnes schreibt, bricht die Autorin ein Tabu, das nicht nur in Polen als ein solches gilt. Notwendige Impulse für einen veränderten Umgang mit einem der brennendsten Probleme einer hoch entwickelten Wohlstandsgesellschaft zu liefern, macht die autobiografische Geschichte Anda Rottenbergs zu mehr als einem dramatischen Einzelfall.

Man könnte vielleicht meinen, bei der Vielfalt der Themen, Reichtum an Einzelgeschichten, Anhäufung von Katastrophen, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts vielen Einzelschicksalen bereitete, sei es unmöglich, ein Buch zu schreiben, das einem nicht „zuviel“ wird, bei dem man als Fremder, der mit dem Leben der Autorin nicht vertraut ist, den Durchblick verliert, das nicht ermüdend wirkt und nicht zu bewältigen ist. Überraschenderweise gelingt der Autorin dennoch eine reiche, klare, sehr bewegende Geschichte, die ganz verschiedene Typen von Lesern anspricht. Oft fängt man das Lesen wegen eines der Themen an, um zu entdecken, dass die anderen ebenso interessant oder sogar noch interessanter sind. So zeigen es die Erfahrungen der Leserschaft in Polen. In Deutschland müssten deutsche Verlage helfen, bevor man den Lesern direkt sagen kann: Bitte schön, überzeugen Sie sich selbst. Zurzeit kann sich dieser Satz nur an die Lektoren richten, da es ja noch keine deutsche Übersetzung dieses erstaunlichen Buches gibt. Man könnte hinzufügen: Sie werden es nicht bereuen.

Erschienen in MOE-Kultur Newsletter, Ausgabe 78

Noch schnell nachholen?

Stefan Chwins Roman "Der goldene Pelikan"

Ende des Jahres ist gewöhnlich eine Zeit der Bilanz. Sie eignet sich gut, um kurz innezuhalten, zu vergleichen und zu reflektieren. Lasst uns also allgemein der Frage nachzugehen, wie die Lage der polnischen Literatur auf dem deutschen Markt Ende 2005 ist und ob der EU-Beitritt Polens die jetzige Situation beeinflusst hat. Die Antwort ist: auf jeden Fall. Die allgemeine Tendenz ist deutlich sichtbar: es gibt sie, viele neue polnische Bücher auf dem deutschen Markt, sie werden immer zahlreicher, präsenter. Sie werden langsam zur Normalität und erscheinen auch „normal“, d.h. nicht nur aus besonderen Anlässen (Polen-Jahr, Polen als thematischer Schwerpunkt, im Rahmen der „Polnischen Bibliothek). Sie werden mehr oder weniger oder manchmal auch fast gar nicht wahrgenommen und auch das gehört zur Normalität.

Welche Bücher sind 2005  in Deutschland erschienen? Einerseits sind es Neuerscheinungen, die auch in Polen viel Aufmerksamkeit bekommen haben. (Als Beispiele dienen hier: P. Huelle „Castorp“, J. Chmielewska „Mordsstimmung“ oder A. Stasiuk „Unterwegs nach Babadag“). Andererseits sorgt man durch Übersetzungen älterer Titeln dafür, dass das Bild der polnischen Literatur für deutsche Leser immer facettenreicher wird. (Dazu gehören beispielsweise: W. Mysliwski „Der helle Horizont“, K. Grochola „Allererste Sahne“ oder „Himmelblaue Stunde“). Da, wo die Übersetzungen den polnischen Bestsellern etwas hinterher hinken, versucht man  Schritt zu halten, indem man über die Autoren selbst und ihre noch nicht zugänglichen Bücher berichtet (wie im Fall von D. Maslowska). Und schließlich, und auch das ist eine neue Tendenz (auch wenn sie nicht nur ausschließlich auf das Jahr 2005 zu beziehen ist):   deutsche Autoren der jüngeren Generation fangen an, Polen als ein attraktives Land für ihr Romangeschehen zu entdecken. Es sind jetzt Autoren, die keinen familiären Bezug zu der Region haben (wie es bei G. Grass oder S. Lenz der Fall ist) sondern die von Neugier und Phantasie geführt werden (z.B. M. Schwerdtfegers „Cafe Saratoga“, G.Wolfram „Samuels Reise“).  Diese Vielfalt und Vielseitigkeit sind ein wunderbares Ergebnis.

Ein Jahresende ist immer ein guter Anlass, um nach hinten zu schauen und nachzuprüfen, ob man etwas vergessen oder verpasst hat. Ob es etwas gibt, was noch nachzuholen wäre. Für die Leser, die gern nach Büchern greifen, die schwer einzuordnen sind, die einerseits begeistern, andererseits aber auch irritieren können, gibt es unter der Neuerscheinungen des Jahres 2005 auch unter den polnischen Büchern etwas zu entdecken. „Der goldene Pelikan“ von Stefan Chwin wurde im Zusammenhang mit der letzten Frankfurter Buchmesse  vorgestellt, hat es aber  es nicht geschafft, unter die „ganz großen“ Neuerscheinungen zu gelangen. Die Berichte waren wohlwollend, das Buch bekam Aufmerksamkeit, was  in Frankfurt ja schon ein Erfolg ist, aber mit schärferer Kritik oder entschiedener Empfehlung, hielt man sich zurück. Wer das Buch gelesen hat, kann solche Reaktion nachvollziehen. Für  Leser jedoch, die gern keine geraden Wege gehen, ist das Buch bestimmt eine gute Empfehlung.

Die Geschichte spielt in Gdansk, in der Zukunft. Man schreibt das Jahr 2010 oder 2020 oder vielleicht 2050. Das Land Polen ist inzwischen in der Welt der westlichen Werte, der Globalisierung und des höheren Wohlstandes (gemessen an der heutigen Lage) angekommen. Jakub, Professor für Philosophie an der Juristischen Fakultät der A. Schopenhauer-Universität, gehört zu den Gewinnern im Leben. Er genießt berufliches Ansehen, sein Leben ist materiell gesichert und er besitzt eine kultivierte Ehefrau. Jakub hat sein Leben fest im Griff und er kann sich kein anderes vorstellen. Warum sollte er auch? Alles läuft gut und Jahr für Jahr wird er darin bestätigt. Sein Talent, sein Wissen, die Fähigkeit das Richtige zu tun und richtig zu entscheiden, machen sein Leben zu einer angenehmen Angelegenheit. Eines Tages passiert aber ein kleines Missgeschick. Nichts wirklich dramatisches, aber dennoch etwas unangenehmes. Bei der Aufnahmeprüfung trägt Jakub die Noten der Kandidaten in eine Liste ein. Es ist ein heißer Juli-Tag. Wegen der Hitze kommt Jakub kurz durcheinander,  korrigiert aber gleich seine Fehler. Am nächsten Tag behauptet eine der geprüften jungen Frauen, er habe sich geirrt, die Note, die neben ihrem Namen steht, könne nicht stimmen. Jakub hält an der Note fest, er setzt sich durch. Allerdings kann er sich leider an die junge Frau und die genaue Prüfungssituation  kaum erinnern. Und mit der Zeit kommen bei ihm Zweifel auf. Vielleicht machte er doch einen Fehler? Es ist natürlich zu spät, an der Sache etwas zu ändern, aber als er Wochen später Gerüchte hört, dass eine in der Aufnahmeprüfung durchgefallene junge Frau sich das Leben genommen habe, verliert Jakub sein Gleichgewicht. Die Geschichte lässt ihn nicht mehr los, sein Leben gerät aus den Fugen und  verändert sich allmählich völlig.

Chwins Geschichte ist spannend erzählt und  regt an, nachzudenken, inwiefern man  Herr seines eigenen Lebens ist. Was Unerwartetes kann einem im Leben  passieren? Wie lange wird man das Leben führen, das man gerade führt? Wie könnte mein Leben sonst aussehen? Hier öffnen sich viele Perspektiven, aber der Roman bietet  noch viel mehr. Der Autor versucht, das zukünftige Leben in Polen darzustellen. Seine Vorstellungen sind interessant und es ist auch spannend, sie mit der heutigen Realität zu vergleichen. Auch wenn man  seine Visionen nicht teilt oder sich sogar manchmal ärgert, wenn Chwins Beschreibungen oft an Ausdruckskraft verlieren, während er in seine Zukunftsvision Elemente einbringt, die schon heute einer archivierten Vergangenheit angehören, ist es trotzdem inspirierend, den Fragen nach seinen

Zukunftsvorstellungen nachzugehen. Wie entwickeln sich Polen, Europa und die Welt weiter? Wie wird es mit uns nächstes Jahr, in 20 Jahren oder in 50 Jahren weiter gehen?

Die Jahreswende ist  die Zeit der Ausblicke und die Zeit der Vorsätze und  Wünsche. Wenn man seine Wünsche auch an Autoren richten kann, könnte man sich wünschen, dass S. Chwin nach seinem interessanten Versuch, einen Roman über Zukunft zu schreiben, im nächsten Roman wieder seinem vertrauten Genre des historischen Romans nachgeht und uns den Lesern noch einen nächsten grandiosen Roman neben seinen zwei früheren („Tod in Danzig“ 1995 und „Die Gouvernante“ 1999) schenkt. Wenn man aber zur Jahreswende 2005/06 gleich zwei Wünsche an denselben Autor richten könnte, sollte S. Chwin  einen neuen historischen Roman schreiben und nebenbei ruhig seine Experimente mit anderen literarischen Genres fortsetzen. Er sollte ein neues unberechenbares Buch schreiben, das fasziniert und irritiert,  stellenweise ärgert und erstaunt. Von dem man Ende 2006 sagen würde: noch schnell nachholen!

Erschienen in MOE-Klutur-Newsletter, Ausgabe 26/27

Stefan Chwin: Der goldene Pelikan, Hanser Verlag, München 2005