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Alpträume

„Nur Nachts“ von S. Berg am Deutschen Theater Berlin

So hat sich die Autorin Sibylle Berg ihr Stück „Nur Nachts“ auf der Bühne sicherlich nicht vorgestellt. Aber auch der Regisseur Rafael Sanchez durfte erstaunt gewesen sein, als er bei den Proben merkte, dass kaum etwas davon, was er sich überlegt hatte, nach seinen Vorstellungen funktionierte. Es steht fest, Sanchez hat nicht aufgegeben, er kämpfte mit aller Kraft und diese Anstrengung – die für kurze Momente sogar mit kleinen Erfolgen belohnt wird – ist dem Abend anzusehen. Zwischen den gelungenen Theatermomenten kommen auf die Zuschauer allerdings lange Strecken der Langeweile und Müdigkeit zu. Wer es durchhält und danach noch die Kraft aufbringt, darüber nachzudenken, warum der Abend so grandios strandete, wird vielleicht doch auf seine Kosten kommen, indem er die Lösung des Rätsels als Gewinn des Abends verbuchen kann.

Warum gelang denn hier fast nichts?

Der Regisseur hat das Stück offensichtlich falsch gelesen. „Nur Nachts“ beginnt mit dem Treffen zweier Mittvierziger, einer Frau und eines Mannes, die ihr bisheriges Leben als gescheitert ansehen. Am Ende des Abends versprechen sich die beiden, die sich erst flüchtig kennen, zusammen neu anzufangen, um aus dem Leben gemeinsam etwas Neues zu machen. Im letzten Moment vor dem entscheidenden Schritt erklären sie sich gegenseitig, dass sie nicht gerade zu den Gewinnern im Leben gehören. Soviel Ehrlichkeit muss sein, das fordert der Anstand. Aber wird der Partner danach tatsächlich den Mut aufbringen, den vorher geschmiedeten Plan umzusetzen? Wird Peter am nächsten Morgen wirklich mit einem Umzugswagen bei Petra ankommen? Was zwischen diesen zwei Szenen fast zwei Stunden lang passiert, ist eine Ansammlung düsterer Vermutungen, materialisierten Ängsten, bildhaften Vorstellungen von Arten des Scheiterns im Leben, von Lebensweisheiten und Erfahrungen, die mehr oder weniger allgemein und ernsthaft zu nehmen sind. Hinzu kommt ein sehr pessimistisches Bild des Lebens, das mit der bitteren Aussage: am Ende sind wir alle Verlierer, kurz zusammen zu fassen ist.

Überhaupt, wenn man versucht, das Gesagte frei zitierend wiederzugeben, lässt sich vieles auf folgende Stichworte bringen: „das Alter ist scheiße“, „im Grunde ist man immer allein“, „es gibt keine Liebe auf der Welt“, „wir sind fast alle durchschnittlich“. Dies sind noch längst nicht alle Weisheiten des Abends.

Die kurzen Szenen oder Äußerungen der Personen haben den Charakter eines  nächtlichen Alptraums. Sie kommen chaotisch ohne logische Chronologie daher, verursachen ein Durcheinander, da sie nicht aufeinander bauen, sind mal platt, mal mit tieferer Bedeutung gefüllt. Alles, was passiert, scheint sich irgendwo unfassbar jenseits oder einfach nur im Kopf, im Unbewussten abzuspielen. Der Fehler des Regisseurs besteht darin, hartnäckig zu versuchen, dieses Irrationale und Metaphysische realistisch zu fassen und zu inszenieren. R. Sanchez verwechselt das Geträumte mit den im Stück „real“ vorkommenden Ereignissen, bügelt die Ebenen schön zusammen und inszeniert „Nur Nachts“ als eine banale Geschichte des gemeinsamen Lebens von Peter und Petra. Das kann natürlich nicht gut gehen.

Dieses ist leider nicht das einzige Missverständnis zwischen der Autorin und dem Regisseur. Vielleicht liegt es an verschiedenen Lebenserfahrungen, vielleicht an unterschiedlichen Interessen, aber die Welt von S. Berg scheint R. Sanchez so fremd und weit entfernt zu sein, dass er an manchen Stellen bei dem Sieg stehen bleibt, die Autorin überhaupt verstanden zu haben. Wenn der Regisseur also bei einer Szene versteht, dass es sich dort um die Langeweile der Zweisamkeit handelt, wird dieses lange und genau inszeniert. Wenn es ums Rezitieren furchtbarer Un-Kunst-Reime geht, wird der Text extra herausgestellt und zur Sicherheit doppelt rezitiert. Wenn es bei Berg hier und da einen kleinen Witz gibt, wird er so groß ausgespielt, dass ihm der letzte Hauch von Lustigkeit ausgetrieben wird. So denunziert man erfolgreich einen Text.

Hinzu kommt, dass der Regisseur seine eigenen, vom Text unabhängigen, guten Regieeinfälle ebenfalls ins tödlich Langweilige führt, indem er sie nacheinander mehrmals wiederholen lässt.

Gerechtigkeitshalber soll man jedoch nicht die ganze Schuld für den misslungenen Theaterabend dem Regisseur zuschieben. Auch das Stück hat  viele Schwächen. Es ist zwar sehr mutig und lobenswert, dass die Autorin offensichtlich nach einer neuen Kunstform für das Drama gesucht hat, aber vielleicht sollte dieses Experiment als Zeugnis der Suche nach neuen künstlerischen Wegen im zeitgenössischen Theater vorerst in der Schublade bleiben, statt gleich zur Umsetzen auf die Bühne zu gelangen. Es ist deutlich, dass Berg kein traditionelles Stück mit einem typischen, einfachen Verlauf der Handlung schreiben wollte. Es scheint, sie wollte auch nicht ihre Reflexionen über das menschliche Dasein in die Form der poetischen Prosamonologe bringen, mit denen das moderne Theater inzwischen gut umzugehen gelernt hat. Man denkt an erfolgreiche Inszenierungen der Texte von Heiner Müller, Elfriede Jelinek oder Reinald Goetz und weiteren Autoren, die ja vor noch nicht so vielen Jahren als untheatralisch galten. Die weitere Suche ist Berg hoch anzurechnen. Man muss sich jedoch fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, die angesammelten Wahrheiten und Reflexionen mit einem kritischen Auge unter die Lupe zu nehmen und das Material auf seine Tauglichkeit hin zu untersuchen, bevor man mit ihm weiter arbeitet? Viele der Sprüche, vor allem die, die nicht an einen konkreten Bühnencharakter gebunden sind, sondern abstrakt in den Raum gestellt werden, sind wirklich nur platte, überflüssige Worthülsen. Sie sind nicht mal so lustig, dass die von der Autorin angegebene Gattung „Tragikomödie“ ihr Vorkommen rechtfertigen könnte.

Es tut weh zu sagen, aber das Stück so wie es ist, sollte lieber dort bleiben, wo es sich abspielt – im Kopf als Nachtgedanke im Halbwachen- oder Traumzustand. Dem Publikum kann man nur raten, zu Hause zu bleiben, früh schlafen zu gehen und am besten lange zu schlafen. Vielleicht erlebt man dann, dass in der Nacht zu einem die eigenen Alpträume kommen, und wird so den potentiellen Gewinn des Theaterabends keineswegs verpassen. Wenn dieses nicht geschieht – umso besser –  wird man ausgeschlafen aufstehen. Vielleicht wird man Lust bekommen, mit viel Elan die Geheimnisse unserer Existenz mit allen ihren Schattenseiten zu ergründen und man wird sich im wirklichen Leben nicht durch Selbstmisstrauen, Ängste oder andere „Geister“ davon abbringen lassen, Wagnisse anzugehen. Diesen Ratschlag findet man auch im Stück von S. Berg. Er gilt natürlich auch für die beiden für den Abend zuständigen Theatermacher.

Für MOE-Leser von Interesse: „Nur Nachts“ wird gerade von der Übersetzerin Karolina Bikont ins Polnische übertragen. Auf eine Inszenierung im Land des poetischen Theaters darf man gespannt sein.

Iwona Uberman

Erschienen in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 75

 
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