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Kinder der Sonne

Maxim Gorki am Deutschen Theater Berlin

Manchmal gibt es gute Gründe, ein älteres Theaterstück anders zu inszenieren, als es vom Autor vorgesehen wurde und es in die heutigen Zeiten zu versetzen. Bei der Veränderung des historischen Rahmens ist es oftmals leichter, das Neue an der alten Problematik hervorzuheben, es im erhellenden Licht als dem Zuschauer gut bekannt erscheinen zu lassen. Die Aktualisierung eines Stückes kann also eine sinnvolle und sehr gute Sache sein.

Ob es sich im Fall der „Kinder der Sonne“ von Maxim Gorki am Deutschen Theater um so eine gelungene Vorgehensweise handelt, ist eher schwer zu entscheiden. Wer das Stück von Gorki kennt, wird zugeben, dass uns seine Welt  heute eher sehr fern bleibt. Wer kann noch wirklich ein Interesse am Leben einer russischen Gutsfamilie vor 100 Jahren haben? Die Leute sind wohlhabend, leben zusammen in einem Gutshaus. Sie bilden in „Kinder der Sonne“ keine typische Großfamilien-Konstellation. Das Oberhaupt ist Pavel, ein Privatgelehrter, verheiratet mit Jelena. Die Ehe ist kinderlos. Pavels Schwester Lisa wohnt ebenfalls im Haus, genauso ein Bekannter, Boris. Boris’ Schwester verehrt Pavel und ist ein so häufiger Gast, dass man sie fast zu den Hausbewohnern dazuzählen könnte. Neben dieser kleinen Reichen-Welt gibt es noch eine andere, die des armen Plebs in der Umgebung. Aber will man da wirklich wissen, wie es mit denen weitergeht?

Der Regisseur Stephan Kimmig holt die Geschichte aus den russischen Steppen nach Westeuropa, in eine Villa oder ein großes Haus. Er lässt Pavel an der Gen-Technik forschen, stattet die Frauen des Hauses mit höherem Schulabschluss aus und gibt der Frau des Wissenschaftlers zusätzlich noch eine eigene Universitätskarriere. Auf der Bühne hat man es eindeutig mit der heutigen intellektuellen, höheren Mittelschicht zu tun. Der Fokus wird auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Beteiligten gelenkt. Man erfährt, dass der nur mit sich und seiner Forschung beschäftigte egoistische Pavel seine Ehefrau vernachlässigt, was diese verzweifelt macht. Gleichzeitig ist Jelena jedoch zu stolz, um um Liebe und Aufmerksamkeit zu „betteln“. Der zerstreute, von U. Matthes überzeugend gespielte Forscher könnte tatsächlich irgendwo um die Ecke von jedem von uns wohnen und die Probleme seiner Frau sind zweifellos Probleme von nicht wenigen unter den heutigen Frauen.

Auch die  Dreieckgeschichte (Pavel, Jelena, Pavels Freund) gehört in die heutige Welt und ihr Verlauf ist fast zu leicht nachvollziehbar. Ebenso nicht ganz fremd ist die Geschichte von Lisa, einer Frau, die nicht weiß, was sie in der Liebe will und wenn sie sich endlich zu einer Entscheidung durchdringt, ist es für das Glück schon zu spät. Die Geschichten sind also der heutigen Welt entnommen, glänzend und ansprechend gespielt, und machen die Ratlosigkeit und das Verloren-Sein verbunden mit Indifferenz der Figuren gut sichtbar.

Und dennoch wirkt der Abend etwas unstimmig und man wird das Unwohl- Gefühl, das sich gleich bei den ersten Szenen einstellt, nicht los.

Durch die Reduktion des Personals, das bei Gorki vorgesehen war, und durch die Veränderungen des Textes ist anfänglich schwer zu verstehen, mit wem man es auf der Bühne eigentlich zu tun hat. Die Verhältnisse, in denen die Figuren zueinander stehen, sind viel zu lange unklar. Sollte man dies Problem für sich doch irgendwie lösen können, stellt sich sofort die nächste Frage, die einen länger beschäftigt. Man wundert sich über die ungewohnte Konstellation zusammen wohnender Geschwister, zudem der Bruder verheiratet ist. Für die Anwesenheit von Boris im Haus, der zwar Lisas Verehrer aber weder ihr Freund oder Verlobter ist, findet man ebenfalls keine Erklärung. Eine WG oder ein Modell des alternativen Zusammenwohnens kommt bei dieser vermögenden und in ihren Ansichten konservativen Akademikergruppe (übrigens mit einem privaten Hausmeister) eher nicht in Betracht. Das Rätsel findet hier keine Lösung.

Nicht anders verhält es sich mit der Grippe als Ersatz für die bei Gorki tödliche Cholera-Epidemie. Auch wenn man beim Zuschauen gleich wohlwollend nicht an eine übliche Infektion denkt, sondern an eine Vogel- oder Schweinegrippe-Welle, ist der Umgang mit der Bedrohung im Hause Pavels nicht überzeugend und die Reaktion auf Todesfälle in der Umgebung wird nicht der Lage gerecht dargestellt.

Ein weiteres Problem stellt die Figur des Hausmeisters dar. Angenommen, es gibt heute noch Professorenhaushalte, die einen privaten Bediensteten beschäftigen, ihn mit seiner Familie nebenan wohnen lassen und sich in das Privatleben des Beschäftigten einmischen. Dennoch fällt es einem schwer zu glauben, dass, wenn so ein Bediensteter von heute seine Ehefrau schlägt, er es  gleich zugeben und stolz verkünden würde, dass dies sein Recht ist. Um Missverständnisse zu vermeiden: natürlich gibt es auch in der heutigen Welt das Problem der häuslichen Gewalt und es ist wichtig, dagegen etwas zu tun. Aber solche halb-aktualisierten Dialoge wie „Ja, ich schlage meine Frau. Sie verdient es auch. Fragen Sie mich lieber, warum ich sie schlage.“ sind zwar ein guter Beweis, dass es sich bei Gorki um eine Komödie handelt, riechen jedoch sehr stark nach ungenauer Arbeit an der neuen Textfassung.

Die Vermutung, dass es sowohl der Stückfassung wie auch der Inszenierungsarbeit gut getan hätte, wenn man länger daran gearbeitet hätte, liegt deshalb auf der Hand. Auch die Frage, wie inszeniert man zeitgemäß einen russischen Abend mit Musik und Tanz im privaten Kreis, hätte bestimmt nach einer längeren Suche nach einer angemessen Darstellung verlangt.

Aber man soll nicht alles an diesem Abend schlecht machen. Die Schauspieler sind hervorragend und leisten glänzende Arbeit. Es ist sicherlich auch das  Verdienst der Regie, ihnen genügend Spielraum für behutsame, einfallsreiche und differenzierte Darstellungen der menschlichen Gefühle und zwischenmenschlichen Kontakte gelassen zu haben. Eine der wichtigsten Aufgaben der Theaterkunst, die Zuschauer zu unterhalten und zu amüsieren, wird an diesem Abend ohne Zweifel jederzeit erfüllt.

Es ist keineswegs eine platte Theaterinszenierung ohne Schwere und trotz der fehlenden Kohärenz der Geschichte ist es sicherlich möglich, einige Anregungen und Impulse zum Nachdenken und Hinterfragen mitzunehmen. Vielleicht wäre es aber genauso gut gegangen, den Originaltext von Gorki spielen zu lassen? Durch die Schauspieler hätte man die auf der Bühne stehenden Figuren auch in Kostümen von vor 100 Jahren sicherlich genauso gut lieb gewonnen.

Iwona Uberman

Erschienen in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 74

 
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