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Aus einem Totenhaus

Volker Schlöndorf inszeniert an der Deutschen Oper Berlin

Auch wenn die meisten großen Opern von tragischem Geschehen, vom Tod, Verrat und unglücklicher Liebe leben, wird doch selten  als Vorlage einer Oper ein so düsterer Stoff gewählt wie in „Aus einem Totenhaus“ von L. Janacek. Wenn man den Biografen von Janacek glaubt, war diese Wahl auch nicht ganz freiwillig. Nachdem der Komponist den Roman von Dostojewskij gelesen hatte, ließ ihn die Geschichte nicht mehr los. Er wollte nicht,  mußte aber daran arbeiten.

Die Handlung spielt in Sibirien, in einem zaristischen Lager  für Schwerverbrecher. Die meisten Häftlinge sind hier lebenslänglich eingesperrt, sie werden schlecht behandelt (Schläge gehören zu ihrem Alltag) und sie sind selbst hart. Ihre Gegenwart, die keine ist, verbringen sie mit eintöniger schwerer Arbeit. Ihre Tage sind gleich. Sie denken nicht an Morgen, sie haben keine Zukunft. Was ihnen bleibt, sind Erinnerungen an die Vergangenheit und sie erzählen sich (immer wieder) die Geschichten von ihren früheren Leben, von Gefühlen, die sie damals getrieben haben, und von den Taten, die sie ins Gefängnis brachten.

Die Oper lebt von diesen Geschichten, die das Elend des Einzelnen noch eindringlicher zeigen und nachvollziehbar machen. Aber kurz nachdem ein Häftling seine Erzählung beendet, ist er von anderen nicht mehr zu unterscheiden. Alle bilden sie eine Masse, die Figuren werden nicht individualisiert. Dazu sind die Geschichten mit ihrem schicksalhaften Verlauf zu ähnlich, zu ähnlich die Kleidung, die Bewegungen, die düstere Stimmung der Musik, das Elend der Verdammten.

V.Schlöndorff versteht es , die Tragik der Gefangenschaft eindrucksvoll zu vermitteln. Er setzt aufs Auge, läßt das Bühnenbild sprechen. Die im Hintergrund wechselnden farbenfrohe Bildlandschaften erzählen von der Schönheit Sibiriens, von betörender Natur, Licht und Weitläufigkeit, die auch Freiheits-Gefühl vermittelt. Die Landschaft betont ständig alles, was für Gefangene zum Greifen nahe und doch unerreichbar ist. Der Skelett-Käfig markiert eine Grenze, die für immer geschlossen bleibt. Um die Nähe und die gleichzeitige Unerreichbarkeit der Freiheit zu wissen und doch den Alltag aushalten zu können, innerlich zu sterben und doch weiter zu existieren, das ist die Kunst des Überlebens.

V.Schlöndorff war gut beraten, die Geschichte von Dostojewskij behutsam zu erzählen, sie durch spannende Hauptfiguren- und inhaltreiche Gruppenführung interessant zu gestalten und sie dabei in ihrem Zeitrahmen zu belassen, ohne den Versuch zu unternehmen, sie durch äußeres Aktualisieren in unsere Gegenwart holen zu wollen. Das Elend der sibirischen Häftlinge ist zeitgebunden und doch gleichzeitig zeitlos. Ihre Armut, ihr verpfuschtes Leben und die Ausweglosigkeit ihrer Lage berühren, doch gilt dieses Gefühl nicht nur ihnen. Janacek versucht am Ende der Geschichte uns Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu geben. Der am Anfang in die Anstalt gekommene politische Gefangene Gorjantschikow wird freigelassen, ein verletzter Adler, den die Häftlinge pflegen, genest und fliegt weg, die Musik wird dabei pathetisch und heiter. Aber das „gute“ Ende kann nicht dauerhaft über die Geschichte hinwegtäuschen. Die düstere Stimmung, die traurigen Geschichten und der Anblick des Elends in der Welt hinterlassen einen bedrückenden Eindruck.

Die nächsten Vorstellungen: während der Janacek-Wochen am 30. Juni und am 2. Juli 2005 in der Deutschen Oper Berlin

Iwona Uberman

Erschienen in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 20

 
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