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Magda Fertacz bei Stückemarkt des 49. Theatertreffens in Berlin


Iwona Uberman: Im November 2011 gab es in Berlin bei „TheaterSlam. Neueste Dramatik aus Polen“ - einer Veranstaltung, die von der Akademie der Künste und dem Polnischen Institut Berlin gemeinsam organisiert wurde - eine szenische Lesung von Magda Fertacz’ „Kalibans Tod“ („Smierc Kalibana“). Jetzt, ein halbes Jahr später, findet beim Stückemarkt des Theatertreffens Berlin eine Lesung von Magdalena Fertacz statt. Ist das eine symbolische Veränderung?

Magda Fertacz: (lachend) Nein, es ist ein Zufall. Es kommt von den Berliner Festspielen oder vielleicht hat mein Übersetzer Andreas Volk es so in der deutschen Sprachfassung geschrieben. Ich heiße ja Magdalena, aber ich zeichne meine Stücke Magda Fertacz, es klingt besser.

Uberman: Ist „Kalibans Tod“ eine Provokation?

Fertacz: Auf jeden Fall. Mit diesem Stück wollte ich aber nicht nur sagen, dass wir Probleme haben und nicht wissen, wie wir sie lösen sollen, und deshalb gar nichts unternehmen. So wird der Text oft gelesen, als eine einseitige Stimme, die Hilfe für illegale Immigranten fordert. Dabei entstand dieses Thema bei mir aufgrund der Widersprüche, die es enthält, und aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen mit Immigranten. Nicht alles ist hier schwarz-weiß. Ich habe den Eindruck, dass die gestrige Lesung undifferenziert war. Die zweite Ebene des Textes wurde nicht herausgeholt.

Uberman: Sie sahen in Berlin beide Präsentationen von „Kalibans Tod“. Worin lagen die Unterschiede bei der Umsetzung?

Fertacz: Sie waren sehr unterschiedlich. Die erste Präsentation hatte ein rasantes Tempo, wie bei einem Wettlauf, es gab Video-Einspielungen, Musik, es war fast eine Inszenierung, die auf einer ästhetisch interessanten Regie-Idee beruhte. Die gestrige Lesung arbeitete mit viel einfacheren Mitteln. Es war deshalb leichter, sich auf den Text zu konzentrieren, aber ich sah kein inhaltliches Ringen mit ihm. Der Text war präsent, aber es fehlte an Attraktivität, durch die die Geschichte die Zuschauer hätte packen können. Alles war sehr eindeutig.

Uberman:  Lassen sich die beiden deutschen szenischen Lesungen mit der in Madrid vergleichen, die im letzten Herbst stattfand?

Fertacz:  Die Präsentation in Madrid war für mich eine interessante Erfahrung. Das war die einzige szenische Lesung, in der die Figur der Choristin so umgesetzt wurde, wie ich es geschrieben habe: Es war eine Chorsängerin und sie sang den Text. Überhaupt war die Schauspielerin, die sie spielte, genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Als ich sie sah, dachte ich, es kann nicht sein, es war so, als ob sich jemand in meinen Kopf eingeschlichen und gesehen hätte, dass sie genau so aussehen soll. Ich weiß nicht, warum man bei den Präsentationen in Deutschland nicht Ähnliches machte, dieser Text müsste gesungen werden, in Madrid hat es sehr gut funktioniert. Dort wählte man auch die Konvention des Sprechtheaters plus Puppen. Zuerst, als ich sie sah, erschrak ich und dachte, es würde furchtbar sein, aber die Schauspieler machten mit den Puppen unglaubliche Sachen: sie schmissen sie, drehten ihre Köpfe ab, rissen Beine heraus – und es stellte sich heraus, dass es unglaublich stark wirkte. Das war für mich eine ganz andere Erfahrung als die in Berlin.

Uberman: Finden sie inzwischen Gefallen an Groteske und Ironie oder wird Ihr nächstes Stück ganz anders sein?

Fertacz:  Ich habe den Eindruck, dass mein Schreiben sich verändert. Ich würde nicht sagen, dass ich an Groteske Gefallen fand, aber über bestimmte Themen lässt sich nicht direkt erzählen. Es ist möglich, dass ich auf diese Form häufiger zurückgreifen werde. Wir werden sehen.

Uberman: Um über die Zukunft zu sprechen: In Ihren Stücken sieht man einen thematischen Kreis, der sich von einem Liebespaar in „Kurz“ („Staub“), über eine Familie in „Absynt“ („Absinth“), das Land Polen in „III Furien“ („III Furie“) - geschrieben zusammen mit S. Chutnik und M. Sikorska-Miszczuk – bis hin zu einer globalisierten Welt in „Kalibans Tod“ ausweitet. Wie erklären Sie die Erweiterung des Kreises und wohin begeben Sie sich das nächste Mal?

Fertacz:  Es ist einfach so passiert. Ich verspüre das Bedürfnis, meine Texte über das Thema zwischenmenschlicher Beziehungen hinaus auszubreiten, ich möchte mehr erzählen. Zwischen den von Ihnen aufgezählten Stücken gibt es noch „Trash story“, das auch schon größere Themen berührt, es ist angeblich eine Familiengeschichte, aber es geht vor allem um Erinnerung oder genauer, um die Fähigkeit sich nicht zu erinnern. Demnächst möchte ich ein Libretto für eine Oper zum Thema Abtreibung schreiben. Am meisten interessiert mich, dass bei diesem Thema in Polen die Entscheidungen immer bei den Männern liegen, sowohl was die politischen, gesetzgebenden wie auch die religiösen Seiten betrifft. Ich möchte mich damit auseinandersetzen, aber eben in Form einer Oper.

Uberman:  Welche Eindrücke nehmen Sie mit zurück nach Polen?

Fertacz:  Ich werde sicherlich weiter darüber nachdenken, worüber ich hier viel mit Julia Holewinska gesprochen habe: inwieweit sich unser Schreiben mit dem deutschen Theater trifft. Mit dem Thema der illegalen Immigranten setzt man sich in Deutschland seit Langem auseinander. Aber vielleicht gelang mir trotzdem, etwas Neues dazu zu sagen. Außerdem ist „Kalibans Tod“ nicht nur ein Stück über Illegale, es ist auch ein Stück über Kunst. Die Lesung beim Stückemarkt fand gleichzeitig mit der Berlin Biennale statt, die von Artur Zmijewski kuratiert wird. Dort geht es auch um Fragen wie, was ist ein Kunstwerk, oder worin besteht angebliche oder echte Teilnahme. Auch die Begegnung mit dem deutschen Publikum war für mich interessant.

Uberman:Nochmals herzlichen Glückwunsch zur Teilnahme am Stückemarkt und danke für das Gespräch.

 

Erschienen in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 82

 
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