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Furchtlose Ehrlichkeit

Dramen polnischer Autorinnen bei Stückemarkt des Theatertreffens Berlin 2012

Sie sind jung, sie sind klug, sie sind schön. Und sie haben Mut und Mumm. Wobei der letzte Satz wahrscheinlich eine Untertreibung ist. Die Sicht der polnischen Dramatikerinnen auf die Welt ist schonungslos und ihre Art, sie mitzuteilen kennt kein Pardon. Sie stehen damit zum Teil in der Tradition des Spötters Witold Gombrowicz und des stets mit polnischer Geschichte und Gegenwart beschäftigten Andrzej Wajda, dessen Erzählart „ohne Betäubung“ nicht nur in seinem gleichnamigen Film, sondern auch in seinem übrigen filmischen Werk Spuren hinterlassen hat.

Die jungen polnischen Theaterautorinnen Magdalena Fertacz und Julia Holewińska haben inzwischen jedoch ihre eigenen künstlerischen Ausdrucksformen und ihre eigenen Themen gefunden. Sie geben Stimmen denen, die in der Geschichte und Gegenwart ganz abwesend oder kaum anwesend sind, die dort höchstens stumm vorkommen. Sie entmythologisieren polnische (und nicht nur polnische) Geschichte und setzen auf eine furchtlose Ehrlichkeit, die schmerzt.

Deutliche Worte ohne Umschweife

37-jährige Magdalena Fertacz schreibt seit sieben Jahren Theaterstücke. Die in dieser Zeit entstandenen sieben Texte sind nicht die einzigen künstlerischen Werke der Autorin. Fertacz schreibt auch Filmdrehbücher, fertigt als Dramaturgin Spielfassungen von Prosatexten an, arbeitet als Innenarchitektin und – exzentrisch genug, um es auch Kunst zu nennen - als Reitlehrerin.

Ihr erstes Stück „Kurz“ („Staub“) wurde mit einer Auszeichnung beim Festival Radom Odważny (Mutiges Radom) gewürdigt und Mut steht bei der Autorin seitdem weiter im Programm. Zu Fertacz’ Stärken gehören scharfsinnige Beobachtung und kritikvolle Schilderungen ohne Umschweife, bei denen weder das Publikum noch die Schreibende selbst geschont werden. Hauptthemen der Stücke sind zwischenmenschliche Beziehungen; ihre Verlogenheit, ihre Oberflächlichkeit und ihr Konformismus werden scharf angeprangert.

Die Geschichten von Magda Fertacz verstören. In „Absynt“ („Absinth“) bringt sich eine junge Frau, Karolina, am Tag ihrer Hochzeit um. Ihr von Zurückgebliebenen in Rückblenden erzähltes Leben zeigt, warum der Tag der Trauung keineswegs der glücklichste Tag in ihrem Leben war und was dieser erfolgreichen Frau wirklich fehlte. Man versteht mit der Zeit, warum der Selbstmord die einzige Möglichkeit war, sich der leeren Welt zu entziehen. Im Text von Fertacz fehlen weibliche Wärme, Harmonie und Weichheit. Es fehlt dafür nicht an deutlichen Worten: „Schon von Geburt an werden wir total beschissen“ – drückt Karolina geradelinig ihre Weltsicht aus.

Schicksale der Kriegs- und Nachkriegsjahre

Fertacz spricht über die dunklen Seiten der heutigen Welt mit schmerzvoller Ehrlichkeit. Sie rührt an Tabus, konfrontiert die Zuschauer damit, was sie am liebsten nicht wahr haben wollen. In „Trash story“ erinnert sie an die deutsche Vergangenheit der polnischen West-Gebiete, ein Thema, bei dem man auch heute ungern die Erinnerung zulässt und Menschenschicksale der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren am liebsten ganz vergessen würde.

Fretacz weist in diesem Stück noch auf einen anderen Krieg, jüngeren Datums hin – den im Irak. Ein auf dem Heimat-Kurzurlaub befindender, polnischer Soldat bringt sich um, um die Rückkehr in den Irak zu vermeiden. Warum? Über den Einsatz von Nato-Soldaten im Irak-Krieg möchte die Öffentlichkeit bis zum heutigen Tag nicht nur in Polen lieber nichts Genaueres wissen. Die Autorin setzt sich in ihrem Stück mit der Verfälschung von Geschichte früher und heute sowohl auf der Ebene einzelner Personen und Familien als auch auf der von Völkern und Staaten auseinander.

Künstlerisches Experiment im Stück

Wenn man betrachtet, wie sich der Beobachtungskreis in Dramen von Magdalena Fertacz entwickelt, merkt man, dass er sich von einer Kleinfamilien-Konstellation in „Staub“ (ein verliebtes Paar), über eine Familie in „Absinth“ (Eltern, Tochter, ein Verlobter), das Land Polen in „III Furien“ (geschrieben zusammen mit Sylwia Chutnik und der zum Stückemarkt 2011 augewählten Małgorzata Sikorska-Miszczuk), schließlich hin zur globalisierten Welt in „Śmierc Kalibana“ („Kalibans Tod“) ausweitet.

„Kalibans Tod“ handelt von einem künstlerischen Experiment: einer online übertragenen Reality-Show. Sie ist zugleich Teil einer groß angelegten sozialen Aktion, die zeigen soll, wie die reiche Welt den Armen hilft. Dank dem westlichen Drang, das Beste aus der Welt für sich herauszuholen, bekommt ein Schwarzer aus Haiti eine Chance, an einem von einer Hilfsorganisation  organisierten Wettbewerb teilzunehmen. Die Gewinner, die die kreativsten Entwürfe für eine naturgebundene Recycling-Architektur abliefern, werden nach Westeuropa eingeflogen, wo sie in ein Programm zur Privatisierung illegaler Einwanderer aufgenommen werden.

Zivilisierte Welt

Dieses System erinnert an einen modernen Sklavenmarkt: die Illegalen werden „legal“, erhalten Arbeit, verlieren aber ihre Freiheit. So kommt der Schwarze zu einem Künstler, der ihn zu einem Teil seines medialen Kunstwerks macht. Ein todkranker weißer Patient, der auf ein Spendenherz wartet, wird ebenfalls von dem Künstler zur Teilnahme an dem Projekt ausgewählt.

Magda Fertacz geht oft schonungslos weit und hält der westlichen Welt einen Spiegel vor, in dem sich niemand erkennen will. Sie stellt die Verlogenheit unserer „zivilisierten“ Welt bloß, in der alles zu Ware geworden ist, auch der andere Mensch. Menschliche Würde, Freiheit, Gleichheit scheinen leere Begriffe geworden zu sein, die gern als Parolen genutzt werden, wenn sie den Reichen versprechen, noch mehr Profit aus der Lage der anderen zu schlagen.  „Kalibans Tod“ ist eine Quintessenz zeitgenossischer Zivilisation, die von Materialismus und Drang nach Erfolg getrieben wird.

Körperliche und politische Transformation

Ähnlich wie ihre Kollegin beschränkt sich auch Julia Holewińska nicht nur auf die Rolle der Dramatikerin. Sie kommt von der theoretischen Seite des Theaters: Die studierte Theaterwissenschaftlerin, (die zurzeit promoviert), Absolventin einer Ausbildung für szenisches Schreiben, befasste sich beruflich mit Theaterkritik und essayistischem Schreiben, sie arbeitet auch als Dramaturgin. „Ciała obce“ („Fremde Körper“) ist ihr vorletztes Stück und das bekannteste von den bisherigen fünf. In Polen ist man der Meinung, dass es eines der radikalsten Theaterereignisse der letzten Jahre war.

„Fremde Körper“ sind ein Stück über die Geschichte Polens, anders als üblich erzählt. Auszeichnungen für heldenhafte Taten werden hauptsächlich an recht habende, starke Männer verliehen, so die Beobachtung von Holewińska. Aber nicht nur sie machten die Revolution. Es sei an der Zeit, so die Autorin, auch anderen Helden und Heldinnen ihren Platz in der Geschichte zuzusprechen –  Menschen wie Marek alias Ewa Hołuszko beispielsweise. Das Drama von Holewińska basiert auf der Lebensgeschichte eines bekannten Solidarność-Aktivisten, geht mit ihr jedoch stellenweise sehr frei um. Marek Hołuszko, der in den 80er und 90er Jahren im Kampf um polnische Demokratie sehr aktiv war, unterzog sich 2000 einer geschlechtsändernden Operation. Von früheren Kampfkollegen, Familie und Bekannten daraufhin verlassen, hatte er/sie mit Einsamkeit, Erniedrigung und Intoleranz zu kämpfen.

Historische Würde, persönliche Würde

Die Handlung von „Fremde Körper“ spielt auf zwei Ebenen: im Polen der 80er Jahre im Kreis von Oppositionellen versammelt um Adam, eine der lokalen Leitpersonen, und im Polen zu Zeiten der Transformation Ende der 90er Jahre, in der Ewa vergeblich nach Anschluss an die geänderten Lebensumstände Umgebung sucht. Adam hatte seinen Kampf gegen das sozialistische System gewonnen, im heutigen, freien Polen hat Ewa jedoch keine Chance, ihren persönlichen Kampf zum Erfolg zu bringen. Der Regisseur der polnischen Uraufführung, Kuba Kowalski, formulierte es so: „Wir Polen können um nationale Freiheit und Unabhängigkeit kämpfen, achten sie aber nicht in Bezug auf eine Einzelperson.“

Thema des Stückes ist das Aufeinanderprallen von Werten und unterschiedlichen Auffassungen über die Verantwortung für das Vaterland und die Suche nach eigener – auch auf das Geschlecht bezogener – Identität. Auf beiden Ebenen, der historischen und der persönlichen geht es um Freiheit und um den Kampf um eigene Würde, eigene Wahrheit und das Recht auf eigene Identität.

Die erste Generation

In einem anderen Stück „Rewolucja balonowa“ („Bubble Revolution“) bleibt Julia Holewińska ihrer Thematik und Erzählart treu. Die große Geschichte wird auch hier mit einem persönlichen Schicksal konfrontiert. Es ist eine Geschichte über die polnische Transformation der 90er Jahre, erzählt aus der Sicht eines kleinen Mädchens. Gleichzeitig ist es ein Portrait der ersten, in einem demokratischen Polen aufgewachsenen Generation. Die Autorin geht der Frage nach, was diese Generation ausmacht, welche ihrer Träume sich erfüllten und was von der Begeisterung für Kapitalismus und Demokratie übrig geblieben ist. Es ist auch, sagt die Autorin, ein Stück über das menschliche Gedächtnis: was bewahren wir in Erinnerung, was idealisieren wir und was wird vergessen.

Wen die Themen und Geschichten der beiden Autorinnen interessieren, wird auf dem Stückemarkt des Berliner Theatertreffens im Mai bald die Möglichkeit bekommen, die Texte in Gänze kennenzulernen. In ihren Schichten sind noch weitere Interpretationsansätze und Abgründe zu entdecken. Für diejenigen, die im Theater lieber nach Zerstreuung suchen, mag es eine Furcht einflößende Nachricht sein. Jedoch: Die Polinnen kommen! Als Trost lässt sich hinzufügen: Sie kommen nicht nur nach Deutschland. Sie sind inzwischen auch schon anderswo in Europa angekommen.

Iwona Uberman

Erschienen in Nachtkritik Mai 2012

Ein Gespräch mit beiden Autorinnen befindet sich auf der Webseite des Goethe-Instituts Warschau Juni 2012

 

 
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