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Wo bleibt die Revolution

„Dantons Tod“ am Berliner Ensemble

 

Manchmal ist man nicht bereit, die Missstände noch länger hinzunehmen. Man lehnt sich dagegen auf. Manchmal rollen dabei auch Köpfe. Aber nicht mal dies ist eine Garantie dafür, dass man es hier gerade mit einer Revolution zu tun hat. Manchmal ist es eine Revolte oder ein Aufstand, sind es Unruhen, Proteste, Demonstrationen. Manchmal ist es auch nur ein kurzes Aufwirbeln des Staubs, heiße Luft.

 

Auch die Helden der Französischen Revolution wussten nicht – trotz der Beteuerungen, die sie abgaben – ob ihr gewaltiges Auflehnen nicht nur ein kurzes Zwischenspiel in der Geschichte sein würde oder ob ihr Versuch, der Tyrannei der Monarchie ein Ende zu setzen, nicht als eine ähnlich schlimme Diktatur, wenn auch mit anderen Akteuren, enden wird. Dank des Glücks der viel später Geborenen können wir heutzutage unbeirrbar feststellen, dass es 1789 eine Revolution gab. Ebenfalls scheinen wir anhand der Geschichtsforschung zu wissen, was und wie es sich damals abspielte. Man glaubt dadurch sogar, über ein Rezept zu verfügen, wie man erfolgreich eine Revolution durchführt und wie man die Zustände dauerhaft verändern kann.

 

Dass es gar nicht so einfach ist, eine Revolution anzuzetteln, geschweige denn die gewünschten Ergebnisse zu erzielen – auch in Frankreich gab es bis jetzt nur diese eine und auf ihre tatsächlichen Früchte musste das Land über 60 Jahre warten – blendet man dabei oft aus. Das gilt auch für Deutschland, wo in der Geschichte vieles zu finden ist – auch viele gute Ereignisse, nicht nur die allgemein bekannten schlechten – aber keine Revolution. Um nur bei der jüngsten Geschichte zu bleiben: Den Fall der DDR kann man kaum als eine Revolution bezeichnen, obwohl die Wiedervereinigung zweifellos ein Ergebnis der Vorarbeit von Bürgerrechtlern und Opposition und eine gewaltige Entladung des Missmuts über die Zustände im Sozialismus war. Um noch einen Schritt weiter zurück in die Vergangenheit zu gehen, auch die so geschätzte und im Ausland zu recht gepriesene deutsche Demokratie hat nicht durch eine Revolution die Diktatur des Nationalismus abgelöst. Das alles ist gut bekannt, es lohnt sich aber, es an dieser Stelle zu erwähnen.

 

Diese Gedankengänge scheinen fruchtbar oder zumindest brauchbar für die Beantwortung der Frage zu sein, warum die Inszenierung von Büchners „Dantons Tod“, durch Claus Peymann, die erste Premiere am Berliner Ensemble im neuen Kalenderjahr 2012, trotz aller guten Absichten, keiner schlechten Ansätzen und riesiger Arbeit, viel Erfahrung im politischen Denken, politischem Handeln und politisch engagiertem Theatermachen, nicht gelang. Auf der Bühne fand keine Revolution statt, obwohl Büchners Drama bekanntlich ein Theaterstück über die Revolution ist. Wie könnte es gelingen, eine Revolution darzustellen – und sei es nur auf einer Theaterbühne - in einem Land, in dem kein kollektives Gedächtnis, nicht einmal in Form eines nationalen Traumas von einem solchen Ereignis vorhanden ist? Wie könnte es möglich sein, etwas mit Leben oder einer Vision zu füllen, was im Land in keinerlei Form als Erfahrung existiert?

 

Um Missverständnisse zu vermeiden, dem Regisseur Peymann wird hier nicht vorgeworfen, dass er an keiner Revolution persönlich teilgenommen hätte. Nicht diese Art der Erfahrung ist gemeint. Wichtig ist auch anzumerken, dass, würde man in Deutschland nach Personen suchen, die – wenn nötig auch in Alleingang – gegen bundesrepublikanische oder österreichische Missstände protestiert haben, Peymann unter ihnen mehr als einmal zu finden wäre. Die berühmte Aktion für die Zähne von Gudrun Ensslin, die Inszenierung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ am Burgtheater, Theaterassistenz- oder Praktika-Angebote für Gefangene, die nach Verbüßen ihrer Strafe wieder eine Chance für Integration in die Gesellschaft erhalten sollten und viele andere Taten, für die Peymann nicht nur seine eigenen Arbeitsstellen gefährdete, sondern auch Briefe mit „du Judenlümmel“ oder anderen Verunglimpfungen ertragen musste, sind bekannt. Peymann ist ein alter 68-er, immer noch seinen Überzeugungen treu – zumindest da, wo ihn der Peymann-Intendant lässt - und gleichzeitig selbstkritisch. Ihm ist die 68-Protestbewegung, die Vieles nicht mehr dulden wollte, Einiges durch ihre Protesthaltung veränderte und zumindest eine Vorstellung für die Verbesserung der Welt hatte – welche spätere Generation kann da mithalten? – ans Herz gewachsen. Jedoch, bei aller Achtung für diese so wichtigen Veränderungen, die 68-er waren eine Protestwelle und keine Revolution. Auch Peymann sieht es ähnlich: Die Revolution sei damals ausgeblieben, die Generation der 68-er sei Generation der gescheiterten Revolutionäre, von denen ein Teil sich auf die Seite der Regierung geschlagen habe und er selbst in die Kunst geflohen sei, wo er auf eine Revolution immer noch hoffe, sagte er kürzlich in einem Interview. Diese Erfahrung ist seiner Büchner-Inszenierung anzumerken.

 

Dies gilt natürlich jedoch nicht nur für Peymann. Auch seine Schauspieler finden zu solchen Erfahrungen keinen rechten Zugang und können sie dem Publikum kaum vermitteln. Es ist anrührend und gleichzeitig auch skurril zu sehen, wie das Ensemble als Deputierte des Nationalkongresses mit perfekter französischer Aussprache die Marseillaise singt, das Lied aber trotzdem nicht echt klingen vermag. Im Zuschauerraum wähnt man die Beschwörung zu vernehmen „glaubt uns, wir machen wirklich Weltgeschichte, glaubt uns, dass wir mit dem getreuen Nachmachen erfolgreichen Geschehens ebenfalls erfolgreich sein können“. Leider gelingt es nicht einmal, den Theaterzuschauern etwas vorzutäuschen. Der Danton-Darsteller (Ulrich Brandhoff) ist in seiner Präsenz unglaubwürdig. Diesem einfältigen, verloren wirkenden, Stühle und Tische umwerfenden jungen Mann fehlt jegliche Größe und man kann sich in keinem Moment vorstellen, dass er derjenige sein soll, der in letzten Jahren – gemeint sind natürlich 1790er Jahre - große Taten vollbrachte. Diese Kritik gilt nicht nur ihm allein, genauso ratlos und verloren wirken die Darsteller von Camille Desmoulins (Felix Tittel), vom herumbrüllenden und auf sich bezogenen Robespierre (Veit Schubert) und von den Gattinnen Dantons und Desmoulins’ (Katharina Susewind und Antonia Bill), die als Begleiterinnen der großen Männer kaum etwas zu bieten haben und obendrein schauspielerisch - insbesondere Lucile - als Ausdruck des Schmerzes nur lautes Schreien anbieten. Wer Andrzej Wajdas Lucile Angela Winkler auf der Leinwand gesehen hat, dem bricht doppelt das Herz, zumal die Winkler auch bei Peymann auftritt, allerdings nur in einer Episode als eine Hure.

 

Man könnte überlegen, ob das sehr eindrucksvolle Bühnenbild von Karl- Ernst Herrmann, das fantastisch geeignet ist, schnelle Wechsel von Innenräumen und Außenschauplätzen zu durchführen und der Bühne viel Atmosphäre verleiht, den Schauspielern bei der schweren Spielaufgabe nicht zu wenig Unterstützung gab. Man könnte sich fragen, ob es wirklich niemandem auffiel, dass die Kostümierung der Frauen, insbesondere der Huren, nicht lustig, ausgefallen, pfiffig oder sexy, sondern einfach nur unmöglich war. Man kann die Frage aufwerfen, ob die Anlehnung oder zumindest Bezugnahme auf die alte „Dantons Tod“- Inszenierung von Robert Wilson gewollt war. Was wollte man damit sagen? Man kann sich natürlich auch fragen, ob es einfach nur eine falsche Zeit für Inszenierung von Büchner ist, in der das Theater nichts, was draußen in der Luft liegt, einfangen kann.

 

Es soll damit nicht gesagt werden, dass die heutige Lage in Deutschland ausgezeichnet ist. Vom Ausland aus gesehen, würden sich viele Länder den Grad der Probleme, die Deutschland hat, wünschen. Frankreich, England, arabische oder einige osteuropäische Länder, ganz zu schweigen von Griechenland und Italien, würden diese Lage geradezu herbeisehnen. Jedoch von innen betrachtet, ist man sich in Deutschland der sozialen Probleme, finanziellen Krise und anderen ernsthaften Schwierigkeiten sehr wohl bewusst. Natürlich auch am Berliner Ensemble. Die Lage ist schlecht, so sehen es die Linke, die Anti-Atom-Bewegung, Occupy- Deutschland, Attac, manchmal auch die SPD oder sogar vereinzelt einige CDU-Mitglieder. Sie alle versuchen sich – genauso ratlos, wie man es in der Peymann Inszenierung erlebt – an verschiedenen Konzepten und Einfällen: zurück zu Marx oder dem Sozialismus, weg von Konsum, hin zu flacheren Strukturen und mehr „echter“ Demokratie oder andere Ideen. Der gute Wille und die angestrengten Versuche spielen sich in Peymanns „Dantons Tod“ wieder. So gesehen ist der im Programmheft angekündigte „Beitrag zur politischen Gegenwart in Deutschland“ erfolgreich geleistet worden. Für das Ausbleiben der Revolution, eines Danton, der großen Köpfe und Leiter der Nation kann man Peymann nicht verantwortlich machen. Es ist nicht er, der versagt hat. Anders erging Andrzej Wajda, der die Vorbereitungsarbeiten zu seinem „Danton“ zu Zeiten der Solidarność durchführte. Er konnte sich von der damals herrschenden Aufbruchstimmung – und auch der späteren harten Bruchlandung – inspirieren lassen. Gerard Depardieu lud er zum Miterleben nach Polen ein.

 

Es scheint nicht immer ein Glück zu sein, das Gespür für die Zeiten zu haben, und es gibt schönere Momente, als den Mitmenschen gemeinsames Versagen zu veranschaulichen. Peymann kann versuchen, sich mit seinen anderen Erfolgen zu trösten. Hat er dem deutschen Publikum nicht bewiesen, dass es für Neues offen sein kann und dass es zu Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte herangereift ist? Ohne Publikum wären seine Entdeckungen von Bernhard, Handke, Tabori und anderen nicht möglich gewesen. Auch heute kann Peymann sein Gespür für die Zeitereignisse und Theatertexte zeigen: das Stück von Yasmina Resa „Gott des Gemetzels“, dessen Verfilmung durch Roman Polanski gerade großen Erfolg hat, ist den Besuchern des Berliner Ensembles längst von der Bühne bekannt. Auch das im November auf Januar festgelegte Gespräch mit dem Bundespräsidenten Christian Wulff taugte ebenfalls nicht als Ladenhüter. Im Falle einer Revolution hat Peymanns Seismograf jedoch zurzeit noch keine ernsthaften Regungen registriert. Das ist für alle, auch für Peymann enttäuschend. Aber bedenken wir: Schon mehrmals in der Geschichte entpuppten sich als Revolutionen verschriene Ereignisse danach als keine. Vielleicht wird es diesmal umgekehrt kommen?

 

Iwona Uberman

Erschienen in: MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 81

 
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