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„Polnischer Herbst“ in Berlin

Ein Interview mit Dr. Petra Kohse von der Akademie der Künste in Berlin

Iwona Uberman: Eine große Ausstellung über 1000 Jahre deutsch-polnischer Nachbarschaft „Tür an Tür“, weitere Ausstellungen zur Architektur Warschaus und Berlins, polnischen Grafik, moderner Kunst, Vorträge, Filme von „Kanal“ über „Die Blechtrommel“ und „Kreuzritter“ – in diesem Herbst gibt es in Berlin eine Vielfalt kultureller Veranstaltungen mit polnischer Thematik. Könnte man von einem „Polnischen Herbst“ in der deutschen Hauptstadt sprechen?

Petra Kohse: Ja, auf jeden Fall.

I.U.: Die Akademie der Künste beteiligt sich daran mit dem Programm „Blickwechsel“. Was bedeutet der Titel?

P.K.: Die geballten Aktivitäten finden ja anlässlich der EU-Ratspräsidentschaft Polens statt, und unser Kooperationspartner für das Ganze ist das Polnische Kulturinstitut in Berlin. Wir haben uns gefragt, was unser Motto sein könnte und sehr schnell festgestellt, dass es in Deutschland seit vielen Jahren verpasst wurde, genau zu schauen, was im Nachbarland passiert. Polnische Künstler wiederum schauen längst über Deutschland hinaus weiter nach Westen und arbeiten speziell im Bereich des Theaters – Krzysztof Warlikowski beispielsweise – in Frankreich, in England und in Spanien. Langsam begreift man hier, dass man da etwas verpasst hat, und in drei bahnbrechenden Festivals mit dem Titel „Polski-Express“ wurde am Theater Hebbel am Ufer, HAU genannt, in den letzten Jahren zeitgenössisches polnisches Theater nach Berlin gebracht. Das war ein Anfang, und da muss man weitermachen. Wir beginnen aufzumerken: achtzig Kilometer weiter, da ist ja was! Insofern bedeutet dieser „Blickwechsel“ für uns zum einen den Wechsel unserer Blickrichtung hin zum östlichen Nachbarn. Gleichzeitig wollen wir – gemeinsam mit dem Polnischen Kulturinstitut - unsere Veranstaltung ganz aktiv als Austausch und Dialog gestalten, der nachhaltig wirksam bleibt.

I.U.: Die Akademie hat vor, Miroslaw Bałka, den Medienpionier Zbigniew Rybczyński, zeitgenössische Schriftsteller und Dramatiker vorzustellen, auch ein Gespräch über Czesław Miłosz und Filme von Andrzej Wajda sind geplant, wer setzt das Programm des „Blickwechsels“ um?

P:K. In der Akademie der Künste beteiligen sich alle Sektionen des Hauses: die Architektur, die Bildende Kunst, die Darstellende Kunst, Literatur, Film und Medien und die Musik. Alle sind mit eigenen Projekten dabei, die aus der Sektion heraus entwickelt worden sind. Die Akademie der Künste ist ja kein Veranstaltungshaus, sondern als Bundesinstitution eher eine Künstlerassoziation, bei der jede Sektion von Künstlern geleitet wird. Jede hat ihre eigenen Prioritäten, und es ist ein Glücksfall, wenn wirklich alle Sektionen so zu einem gemeinsamen Projekt beitragen wie jetzt, sich auch untereinander austauschen und man schließlich einen interdisziplinären Beitrag zu dem hat, was in der Stadt – wie in diesem Fall zu Polen - geschieht.

I.U.: Sie sind als Wissenschaftlerin für den Bereich Darstellende Kunst zuständig und betreuen den „TheaterSlam“, eine Veranstaltung, die am 11./12. November stattfindet. Was ist an diesen zwei Tagen zu erwarten?

P:K.: Man wird acht jüngere polnische Dramatiker und Dramatikerinnen: Paweł Demirski, Magda Fertacz, Antonina Grzegorzewska, Dana Łukasińska, Radosław Paczocha, Artur Pałyga, Małgorzata Sikorska-Miszczuk, Michał Walczak erleben, einige von ihnen erstmals in Berlin. Beim TheaterSlam wird es einen Vortrag geben, Performances der Autoren selbst, moderierte Diskussionen, Szenische Lesungen und dann noch ein besonders schönes Veranstaltungsformat, das heißt „Sammelstelle für Geschichten“, eine Art „After Show-Veranstaltung“, bei der die Dramatiker nach den Szenischen Lesungen an beiden Tagen um zehn Uhr sich im Foyer verteilen werden und mit dem Publikum ins Gespräch kommen wollen, um sich deren Geschichten anzuhören. Man wird die Dramatiker als Persönlichkeiten im Austausch und mit ihrem Werk präsent haben.

I.U.: Was erwarten Sie sich von den Gesprächen mit dem Publikum?

P.K: Man muss die Frage anders stellen, was erwarten sich die Dramatiker davon, denn es ist ihre Idee. Der TheaterSlam ist eine Kooperation mit der Warschauer Agencja Dramatu geleitet von Marta Sztanka. Sie hat die Initiative ergriffen, weil sie es wichtig und an der Zeit findet, dass viele polnische Autoren ins Deutsche übersetzt werden. Bisher geschah der Transfer von polnischen Stücken nach Deutschland eher punktuell. Es gibt einige wenige Autoren, die bekannt sind, z.B. Paweł Demirski, der in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin gearbeitet hat, Michał Walczak, der eine Erstaufführung in Essen hatte, Małgorzata Sikorska-Miszczuk, die beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens im Finale war. Aber eine richtige Palette von Themen und Stilen, wie wir sie hier präsentieren, von dialogischen zu postdramatischen Stücken und ein Kinderstück, das hat es noch nicht gegeben. Wir erwarten uns einen massiven Input für die deutsche Dramaturgie.

I.U.: Gibt es auch Schwerpunkte bei dieser Präsentation?

P.K.: Worauf es für mich persönlich ankommt, ist, dass die polnischen Stücke jetzt nicht in erster Linie als eine Art Blitztransfer in die polnische Mentalität und Geschichte verstanden, sondern als Kunst wahrgenommen werden. Wenn das geschafft ist, ist der Weg auf die deutschen Bühnen auch frei. Je mehr Stücke man kennenlernt, umso eher kommt man dahin zu sagen, das ist einfach ein Gesprächangebot von einem Autor, der zufällig aus Polen kommt. Die Festschreibung aufgrund der Herkunft ist ja in der Dramatik sowieso ein Problem. Wir haben den deutschen Dramatiker Oliver Bukowski gewonnen, dazu einen Vortrag zu halten, in dem er die „nahezu unlösbaren Probleme der Nachdichtung in anderen Sprachen“ beschreibt. Bukowski beschreibt, wie er als jemand, der aus der DDR kommt, eigentlich nur einmal drei Monate lang ohne Vorbehalte betrachtet wurde. Als irgendwo fälschlich geschrieben wurde, dass er aus Niederbayern stamme! Er sagt, dass dies die glücklichste Zeit seines Lebens war, als er nicht die Stimme der DDR war – „das denkt also das ostdeutsche Volk“ - sondern dass er einfach als Dramatiker und Künstler wahrgenommen wurde.

I.U.: In dem Programm steht an beiden Tagen eine Showcase-Veranstaltung. Was ist darunter zu verstehen?

P.K.: Das ist eigentlich eine polnische Form. In Polen gibt es immerzu Showcases, in Deutschland gar nicht so sehr. Das sind Mini-Performances der Autoren, die in zehn bis fünfzehn Minuten sich selber vorstellen, in welcher Form auch immer, ob mit einem Diavortrag oder mit einem Gedicht oder mit einem Rap, das ist ihnen selbst überlassen.

I.U.: Das ist also der polnische Einfluss auf das Programm. Die zweite Form, Lesungen, ist wiederum in Polen weniger bekannt. Was hat sie für Vorteile, warum entscheiden Sie sich nicht für vier Tage und vier oder acht Inszenierungen?

P.K.: Zunächst: es sind ja Szenische Lesungen. Sie werden moderiert von zwei DJ’s, vier Stücke werden also jeweils an einem Abend miteinander verbunden. Die Form der Szenischen Lesung ist in Deutschland die übliche Form, Dramen zu präsentieren. Warum keine Inszenierungen? Acht komplette Inszenierungen hätten wir nie finanzieren können und wir haben ja keinen Spielbetrieb. Die Akademie ist im Prinzip eine Plattform, eine Art von Umschlagplatz. Die Sektion Darstellende Kunst, die Mitglieder aus vielen Häusern in Deutschland hat, macht Angebote für die deutsche Theaterszene. Man hätte auch sagen können, man macht es wie der Heidelberger Stückemarkt, wo man die Stücke ganz lesen lässt. Bei uns sind es halbstündige Lesungen, wobei dem Publikum der ganze Text zur Verfügung gestellt wird. Es geht hier darum, an zwei Abenden möglichst viel mitzubekommen und eine halbe Stunde ist schon ein ganz schöner Ausschnitt.

I.U.: Für die szenische Einrichtung ist Frau Bożena Baranowska zusammen mit dem Europäischen Theaterinstitut zuständig. Sie hat ja auch viel Erfahrung mit der Vorstellung der polnischen Dramatik in szenische Lesungen in den letzten zwei Jahren am Maxim- Gorki –Theater. Da ist man bestimmt auch in guten Händen.

P.K.: Ja.

I.U.: Ist eigentlich die polnische moderne Dramatik in Deutschland außerhalb Berlin präsent oder gibt es seit Mrożek und Gombrowicz eine Lücke?

P.K.: Ich würde zuerst zurückfragen, wie präsent ist denn die neue polnische Dramatik in Polen? Da sind es ja auch eher die Kellerbühnen, die Foyers, die einmaligen Sachen und die kleinen Veranstaltungen, die der Platz für neue Dramatik sind. Das ändert sich langsam, ich glaube, bei Dorota Masłowska zum Beispiel, gibt es ja auch größere Inszenierungen. In Deutschland ist die neue Dramatik für die Theater enorm wichtig, aber es muss immer ganz neu sein, immer die Uraufführung. Wer sich dann einen der renommierten Autoren wie Roland Schimmelpfenning oder Marius von Mayenburg als Hausautor gesichert hat, kriegt dann immer seine Uraufführung. Aber dass darüber hinaus noch eine Offenheit für europäische Dramatik besteht, das ist eher eine Seltenheit. Um auf dieses Vakuum zu reagieren, hat es vor zwei Jahren am Theater Osnabrück unter dem Intendanten Holger Schultze ein Spieltriebe-Festival zur europäischen Dramatik gegeben. Da war Walczak mit „Reise ins Innere des Zimmers“ dabei, auch Autoren und Autorinnen aus Moldawien, Belgien, Spanien und anderen Ländern. Auch der Heidelberger Stückemarkt, zuletzt unter der Leitung von Jan Linders und der Stückemarkt des Berliner Theatertreffens unter Yvonne Büdenhölzer bemühen sich wirklich um die europäische und internationale Dramatik. Es wird immer deutlicher, welcher Reichtum da ist und wie wenig man die Theaterlandschaft der anderen Länder kennt. Es gibt schon Institutionen, die sich darum kümmern, auch der Wanderlustfonds der Kulturstiftung des Bundes hat viel in Gang gesetzt. Aber für das breitere Publikum sind Mrożeks „Tango“ und „Yvonne, Prinzessin von Burgund“ von Gombrowicz hierzulande noch immer der Inbegriff der polnischen Dramas - Masłowska liest man jetzt auch, aber da sind enorme Defizite.

I.U.: Wechseln wir jetzt kurz die Perspektive, welche neuen deutschen Autoren dürfen in Polen nicht fehlen?

P.K.: Deutsche Autoren? Nis-Momme Stockmann vielleicht, auf jeden Fall Kevin Rittberger, der als Autor und Regisseur am Deutschen Theater in Berlin, den Münchener Kammerspielen und am Schauspiel Frankfurt arbeitet. Dazu Anja Hilling und Kathrin Röggla beispielsweise und natürlich Fritz Kater.

I.U.: …alias Armin Petras, den man in Polen aus den Projekten mit Krakau kennt – der Kooperation seines Hauses, d.h. des Berliner Maxim Gorki Theaters und des Krakauer Teatr Stary bei der Inszenierung „Sein oder Nichtsein“, aus dem Projekt „529 km Geschichte mit Zukunft“, einer Zugperformance im Krakau-Berlin-Express… Es ist zu hoffen, dass nach dem „Polnischen Herbst“ vielleicht die Zeit für einen „Deutsch-polnischen Sommer“ kommt. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Dieses Gespräch erschien erstmals in leicht gekürzter Form im Auftrag des Goethe Instituts e.V. unter www.goethe.de

Zu Person: Dr. Petra Kohse ist promovierte Theaterwissenschaftlerin und Journalistin. Sie lebt in Berlin. Sie war Kulturredakteurin der taz, Mitgründerin und mehrere Jahre Redakteurin des Internetportals nachtkritik.de und Mitarbeiterin der Frankfurter Rundschau. P. Kohse hat Bücher über den Theaterkritiker Friedrich Luft und die Schauspielerin Marianne Hoppe veröffentlicht. Seit 2010 ist sie an der Akademie der Künste Sekretär der Sektion Darstellende Kunst.

TheaterSlam
Neueste Dramatik aus Polen 11.–12. November 2011
Akademie der Künste Berlin Hanseatenweg

 

 
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