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Anda Rottenberg ist polnische Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin. Unter ihrer langjährigen Leitung fanden in der Nationalgalerie für moderne Kunst „Zachęta“ in Warschau mehrere kulturelle Großereignisse statt, manche von ihnen galten als umstritten. Rottenberg kuratierte zahlreiche Ausstellungen in den USA, Russland, Japan, Korea und anderen Ländern, zeigte polnische Kunst auf der Biennale in Venedig und der Biennale in Sao Paulo. Auch in Deutschland waren zwei von ihr kuratierte Ausstellungen zu sehen. 2009 erschien in Polen ihr Buch „Proszę bardzo“, eine Familiensaga, in der sie die Geschichte ihrer jüdischen (väterlicherseits) und russisch-orthodoxen (mütterlicherseits) Familie beschreibt und ein Panorama des Lebens in einem faschistischen und einem sowjetischen System entwirft. Rottenberg ist Leiterin der Stiftung des Instituts für Kunstförderung Fundacja Instytutu Promocji Sztuki und Mitarbeiterin zahlreicher bedeutender polnischer und internationaler Kunst-Organisationen.


Ich vertraue den Künstlern

Ein Interview mit der polnischen Kuratorin und Autorin Anda Rottenberg, geführt und aus dem Polnischen übersetzt von Iwona Uberman


Frau Rottenberg, Sie sind Kuratorin der Ausstellung „Tür an Tür. Polen-Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte“, die am 23. September im Martin-Gropius-Bau eröffnet wird. Darf ich Sie nach den Hauptbotschaften dieser Ausstellung fragen?

A.R.: Es fällt mir schwer, von Botschaften zu sprechen. Ich habe mit der Arbeit an diesem Projekt intuitiv begonnen. Die Ausstellung richtet sich vor allem an deutsche und internationale Besucher, die es vielleicht nicht wissen, wie – über eine sehr lange Zeitspanne – die deutsch-polnischen Beziehungen aussahen und ich dachte vor allem über weiße Flecken nach. Ich beschäftige mich nicht besonders viel mit Politik, ich spiegele Geschichte in der Kunst wider, zu Letzterer zähle ich auch schöne Bücher, Dokumente aus Pergament sowie Fotos und Filme. Diese Zeugnisse sind zahlreich und eine Auswahl musste getroffen werden, damit auf beiden Seiten der Blick auf die langen Zeiten der Nachbarschaft aufgefrischt wird. Ich hoffe, dass diese Ausstellung die Geschichte von anderen Seiten zeigen und Ausgangspunkt für weitere Forschungen sein wird. Ich selbst entdecke hier nichts, ich bin keine Historikerin. Es ist eher ein Resümee mit der Betonung von verschiedenen Ereignissen oder Prozessen.

Könnten Sie einige der weißen Flecken, von denen Sie gesprochen haben, benennen?

A.R.: Der polnische Besucher weiß kaum etwas davon, dass es zusammen mit der Übernahme des Magdeburger Stadtrechtes durch polnische Städte einen starken Zustrom deutscher Bevölkerung in das Gebiet ganz Polens gab. Der deutsche Besucher weiß dagegen nicht, dass Ermland kein urdeutsches, sondern ein vom Protestantismus abgegrenztes, dem polnischen König unterstelltes Gebiet war, wo sich hinzugekommene deutsche mit polnischer Bevölkerung und mit nach Eroberungen übrig gebliebenen, einheimischen Pruzzen mischte. Unbekannt ist die Danziger Kultur des 17. Jh.s, insbesondere die damalige Malerei, unbekannt sind die Umstände des Regierens des sächsisch-thüringischen Adelgeschlechtes der Wettiner in Polen und seine Bauleistungen in Warschau. Ein durchschnittlicher Deutscher ist darüber kaum im Bilde, dass Ostpreußen Produkt der Kreuzritter war.

Schon jetzt spricht man nicht nur darüber, dass die Ausstellung ein großes Kulturereignis sein wird, sondern auch über ihr Ausmaß. Vorgesehen sind 700 Exponate…

A.R.: Mehr.

… unter ihnen viele Glanzstücke. Welche davon gehören zu Ihren Favoriten?

A.R.: Viele meiner Favoriten bekam ich nicht, der Widerstand der Eigentümer war nicht zu brechen. Es wird keinen Rembrandt, keinen Leonardo oder Memling geben. Ich hänge jedoch sehr an der Danziger Malerei des 17. Jh.s, die eine hervorragende Qualität hat, ich kann nur einen kleinen Ausschnitt davon zeigen. Sehr interessant ist der Neumarkter Schatz (Skarb Średzki). Er ist ein Meisterwerk der Juwelierskunst, aus Gold gefertigt, das 700 Jahre in der Erde vergraben lag; bis jetzt wurde er von nur wenigen Menschen gesehen. Für mich als eine Person, die sich mit zeitgenössischer Kunst beschäftigt, war interessant, ein ikonografisches Motiv zu entdecken, das in Westeuropa unbekannt ist, jedoch im schlesisch-tschechisch- Krakauer Kreis wiederholt auftaucht „Mariä Entschlafung“, das später von Veit Stoß übernommen und zu einem Meisterwerk gestaltet wurde. Deshalb möchte ich hier lieber nicht über einzelne Gegenstände sprechen, sondern über ihre Zusammenhänge. Und von kleinen Leistungen, wie das erstmalige Zeigen einer Serie von Papierarbeiten von Veit Stoß. Ein Kuriosum bildet auch die Präsentation der Holzplatten, mit denen zuerst drei Ausgaben der Lutherbibel in Deutschland gedruckt wurden und dann katholische Bibeln in Krakau, wohin die Holzplatten verkauft worden waren. Ich hoffe, dass solche Objekte viele Besucher zu weiteren Studien anregen werden.

Jüdische Kultur spielte in beiden Ländern über Jahrhunderte hinweg eine wichtige Rolle. Sind in der Ausstellung Judaica vorgesehen?

A.R.: Bei der ersten Präsentation meines Konzeptes machte man mich darauf aufmerksam, dass es dort keine getrennte jüdische Abteilung gibt. Aber kann man in eine Abteilung einen Prozess einschließen, der 1000 Jahre dauerte? Akzente, die die jüdische Anwesenheit bezeugen, sind über die ganze Ausstellung verstreut. Auch solche, die mit deutschen Juden zusammenhängen. Wir fangen an mit Münzen mit hebräischen Inschriften aus dem 11. Jh., zeigen jüdische Grabsteine, Judendarstellungen in katholischen Büchern, Objekte wie das Neue Testament in Jiddisch, geschrieben und gedruckt in Krakau im 16. Jh. oder eine Schiller-Übersetzung ins Hebräische aus dem 19. Jh. In Polen sind wir stolz auf die Kunst von Maurycy Gottlieb, einem Schüler der Münchener Schule. Es wird vieles zum jüdischen Thema geben. Ich zeige aber auch die Anwesenheit anderer Religionen – Protestantismus, russische Orthodoxie, Unierte Kirchen, sogar Elemente des Islam –, um Polen als ein Land mit vielen Kultureinflüssen zu präsentieren.

Wie bereiten Sie Ihre Ausstellungen vor und nach welchem Schlüssel sind sie am besten zu lesen?

A.R.: Ich fange mit der Besichtigung von Räumen an, da eine Ausstellung immer ein Zusammenleben von Gegenständen in einem konkreten Raum bedeutet. Um den historischen Erzählstrang vom 10. bis zum 20. Jh. beizubehalten, musste ich einen Duktus wählen, den die Säle im Martin-Gropius-Bau vorgeben. Man kann jedoch Geschichte nicht linear in dreidimensionalen Räumen erzählen. Jeder Raum hat also ein bis zwei Hauptthemen und wird individuell behandelt. Wir fangen beispielsweise mit Gnesen und dem ersten deutsch-tschechisch-polnischen Heiligen Wojciech/ Adalbert an, neben diesem zeigen wir die erste polnische Königin Rycheza, Nichte des Kaisers Otto III. Wir stellen eine erste Darstellung der Grenzen Polens aus, die als Urkunde Dagome Iudex bekannt ist. Danach wechsle ich nach Schlesien über, in die Zeiten der Besiedlung und Stadtgründungen, dann nach Krakau, das als Sitz polnischer Könige und deutscher Patrizier gezeigt wird. Es ist also ein historisch-geografischer Duktus, der bis zu den Teilungen Polens reicht. Ich ende in Lodz, das heißt mit der Darstellung der alten Geschichte. Danach beginnt das 20. Jh.

Was macht nach Ihrer Meinung eine gelungene Ausstellung aus?

A.R.: Ich finde, dass eine gute Ausstellung Energie enthalten muss. Der Besucher soll ins Staunen gebracht, er soll überrascht werden. In dem konkreten Fall ist dies aufgrund der sehr kostbaren Exponate, die das Einhalten von restriktiven Klima- und Sicherheitsbedingungen erfordern, sehr schwer zu realisieren. Dieses macht es wiederum unmöglich, sich architektonisch auszutoben. Viele Vorstellungen prallen auf die Realität und man muss auf Träume zugunsten praktischer Lösungen verzichten. Das bedeutet, einen Kompromiss zwischen meiner Vision und einem Dickicht praktisch-technischer Umstände zu finden. Ich bin gerade in dieser Phase, Sie sehen also eine betrübte Person vor sich, der ihre erträumte Vision davonläuft.

Sprechen wir jetzt darüber, über welche Eigenschaften ein guter Kurator verfügen muss.

A.R.: Ähnliche wie ein Regisseur. Er muss Vorstellungskraft haben, aber auch Disziplin, er muss wissen, wie man sich im gegebenen Raum bewegt, und sich eine Ausstellung vorstellen können, bevor sie entsteht, erkennen, welche Spannungen sich zwischen den Werken ergeben werden. Er muss ein Budget einhalten können, es zuvor aufstellen. Er muss Partner des Architekten sein, ihm sogar eigene Lösungen vorschlagen können. Er muss ein Freund der Leiter vieler Einrichtungen sein, von denen er Werke ausleiht, um sie für das Ausleihen zu gewinnen, er muss Freund von Künstlern sein, mit denen er arbeitet, aber er muss auch eine Grenze für deren Ansprüche setzen können. Ich spreche hier von Gruppenausstellungen, aber auch von historischen Präsentationen, wo sich zahlreiche verschiedene Interessen kreuzen. Alles zusammengenommen sind es sehr hohe Ansprüche, weil es hierbei eigentlich keinen Bereich gibt, den ein Kurator nicht persönlich betreuen müsste. Im Idealfall bereitet er auch den Katalog vor. Ich musste diesmal darauf verzichten, weil ich nur eineinhalb Jahre Zeit für die Vorbereitung des ganzen Projektes hatte. Üblicherweise braucht man für solche Ausstellungen 4 Jahre. Man musste hier alles auf einmal machen und ich glaube, es ist ein Weltrekord, jedenfalls, wenn man das Verhältnis zwischen der gegebenen Vorbereitungszeit und dem Umfang der Thematik miteinander vergleicht.

Welche der Ausstellungen war bis jetzt ihre Lieblingsausstellung? Ich meine sowohl eigene wie auch eine fremde.

A.R.: Ich mochte sehr die Ausstellungen des inzwischen verstorbenen Harald Szeemann. Er war ein Visionär und wusste, wie man Spannung einsetzt. Er machte meistens sehr dynamische Ausstellungen, in denen fremde Elemente aufeinander prallten. Ich habe einmal zwei Eröffnungen derselben Ausstellung von ihm erlebt, sie hieß „Austria im Rosenkranz“. Szeemann beschrieb in ihr das Österreich des letzten Jahrhunderts. Er entwickelte diese kaiserlich-königliche Vision in Wien und zeigte sie später in Brüssel. Der Raum war jedes Mal anders aufgebaut, und wenn man dieses barocke und dekadente Dickicht durchschritt - Meisterwerke mischten sich dort mit Alltagsgegenständen: Zeitungen, Fotos, Kuriositäten aus dem Labor -, hatte man das Gefühl, das Wesentliche dieses Landes berührt zu haben. Ich kann mir im Martin-Gropius-Bau solche Visionen wegen der vorher erwähnten Restriktionen nicht erlauben, deshalb wird es bei mir „ordentlicher“. Bei der Ausstellung „Warszawa-Moskwa“ hatte ich keine solchen Einschränkungen, ich konnte mich austoben und denke, dass ich damals Energien erweckte. Das war aus den Besucherschlangen vor „Zachęta“ zu schließen. Eine Ausstellung ist nämlich mehr als eine Ansammlung von Exponaten, die in einer Reihenfolge angeordnet sind. Man muss einen Dialog zwischen ihnen ins Leben rufen, einen dritten, zusätzlichen Wert erschaffen. Ich schaue mir hauptsächlich Ausstellungen moderner Kunst an, manche Kuratoren verstehen es, einen solchen Mehrwert zu kreieren. Nicht alle.

Manchmal führt eine eröffnete Ausstellung zu einem Skandal. Was ist das für ein Gefühl für ihren Kurator?

A.R.: Ich bin nicht imstande vorauszusehen, was einen Skandal hervorrufen wird. Wenn ich eine Ausstellung vorbereite, denke ich nicht an Skandal, ich denke darüber nach, was ich erzählen möchte. Später stellt sich heraus, dass ich provoziere und beleidige. Ich kann nicht voraussagen, wie ein unvorbereiteter Zuschauer reagieren wird – nur solche fühlen sich gekränkt – aber ich kann auch nicht behaupten, die Ausstellung so zu gestalten, dass ich das Risiko eines Skandals vermeide. Das kann kein Kriterium für die Arbeit sein.

Verlassen wir jetzt die Ausstellungen und wenden uns allgemein der deutsch-polnischen Thematik zu. In Deutschland wird in der letzten Zeit das Verhältnis zwischen Juden und Polen aufmerksam beobachtet. Bei dem diesjährigen Berliner Theatertreffen wurde das Theaterstück der polnischen Autorin Małgorzata Sikorska-Miszczuk „Der Bürgermeister“, das sich auf die Ereignisse in Jedwabne bezieht, vor vollem Saal gelesen. Auch das Buch von Jan Tomasz Gross, das die Frage aufnimmt „tragen Polen Mitschuld am Holocaust?“, sorgte für Aufsehen. Was denken Sie zu diesem Thema?

A.R.: Ich habe dazu leider eine gefestigte Meinung. Ich finde, dass es zu solchen Ereignissen wie in Jedwabne oder anderen Orten nie gekommen wäre, wenn es vorher keine Nürnberger Gesetze gegeben hätte, wenn keine Wannsee-Konferenz stattgefunden hätte, wenn man die Vernichtung nicht auf den gesetzlichen Grundlagen des NS-Staates durchgeführt hätte. Diese Demoralisierung, die durch eine sehr starke und wirksame Propaganda genährt und durch sozial-technische Strukturen unterstützt wurde, führte zur Lockerung der ethischen Kriterien nicht nur unter Deutschen, sondern auch bei den eroberten Nationen. Die moralische Verantwortung für diese Deklassierung auch in der polnischen Gesellschaft trägt der Nationalsozialismus. Alles, was in Polen nach 1939 geschah, ist durch den Besatzer verschuldet. Es spielt keine Rolle, wer die Exekutionen auf den Gebieten durchführte, wo die Judenvernichtung zu einer rechtlich verankerten Norm wurde.

Sie sind nicht nur Kuratorin, Sie waren jahrelang Leiterin der Nationalgalerie für moderne Kunst „Zachęta“ in Warschau und vor Kurzem debütierten Sie auch als Autorin. Mit ihrem Buch „Proszę bardzo“ („Bitte schön“) zogen Sie gleich ins Finale des wichtigsten polnischen Literaturpreises „Nike“. Ihr Buch ist autobiografisch, trotzdem sprechen Sie dort sehr wenig über Ihre berufliche Arbeit. Warum? Und welche Beweggründe führten Sie zum Schreiben?

A.R.: Dieses Buch ist den Verstorbenen gewidmet, es richtet sich an sie. Der autobiografische Faden bildet nur den Hintergrund der Erzählung über meine Familie, die es nicht mehr gibt, über meine Freunde, die es nicht mehr gibt. Es ist keine Erzählung über mich. Ich bin dort nur die Erzählerin, nicht Subjekt der Ereignisse. Ich wollte dieses Buch nur meinen Eltern widmen, aber das Leben fügte unerwartet das Schicksal meines Sohnes hinzu. In den Schreibprozess drängte sich mein damaliger Alltag hinein und ich wusste schon, dass mein Sohn auch zu der Welt der Menschen, die weggingen, gehörte. Ich fügte dieses Alltagsgeschehen dem Buch hinzu. In diesem Zusammenhang machte es keinen Sinn, über den täglich ausgeübten Beruf zu schreiben. Vor allem deshalb nicht, weil ich seit 40 Jahren über Kunst schreibe. Zur gleichen Zeit wie „Proszę bardzo“ erschien eine Sammlung meiner älteren Texte. Etwas früher erschien mein Buch über 60 Jahre polnische Kunst. Meine Abenteuer mit der Kunst, private oder mit Künstlern, schienen mir als Thema nicht interessant genug, obwohl der Auftrag des Verlages eigentlich so lautete. Möglicherweise schreibe ich eines Tages so ein Buch. Aber zuerst musste ich mich damit befassen, was mich wirklich beschäftigte. Ich pflege zu sagen, dass es ein „Arbeitsunfall“ war.

Im April wurde in Peking eine Ausstellung zum Thema Aufklärung eröffnet, Veranstalter ist die Bundesrepublik Deutschland. Hier im Lande wurde dies wegen der Einschränkung der Freiheit von Künstlern, der Zensur und der Verletzung von Menschenrechten in China sehr kontrovers diskutiert. Halten Sie die Eröffnung für richtig oder sollte man sich aus diesem Projekt zurückziehen?

A.R.: Wir müssen das auf mehreren Ebenen betrachten. Eine davon ist die der Ethik, wenn man sich gegen die Eröffnung entscheidet, eine andere die des Pragmatismus, wenn man durch die Hintertür manche Ideen einführt und dadurch die chinesische Denkweise sprengt, eine dritte ist das Geld, d. h. die Ökonomie, die uns vorgibt, man lebe heute mit China in Frieden. Eine Ausstellung ausgerechnet zum Thema der Aufklärung, mit der Europa in eine hierarchische Tradition der chinesischen Gesellschaft eintritt, bringt mehr dadurch, dass sie stattfindet und die Besucher ihre Inhalte kennenlernen, als ihre Schließung gebracht hätte. Andererseits, wenn es darum gehen würde, eine wirkliche Solidarität mit den Unterdrückten zu zeigen, durfte man sie nicht eröffnen, sondern sie z. B. verschieben, was jedoch aus rechtlichen und finanziellen Gründen praktisch unmöglich wäre. Es würde bedeuten, das Geld in den Sand zu setzen. Gesten, wie Zeichen der Solidarität oder des Heldentums, an die wir in Polen gewöhnt sind, sind im Grunde fremd in unserer Welt. Man kann die Haltungen der verschiedenen Staaten kurz vor oder während des Zweiten Weltkrieges unterschiedlich bewerten, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Tschechen glücklich darüber wären, wenn ihr Widerstand gegen die Deutschen mit der Zerstörung von Prag bezahlt worden wäre. Es gibt eine materielle Kultur, in der wir aufwachsen und die uns formt, die kann man nicht wiederherstellen. Und es gibt eine geistige Kultur, die die materielle Kultur eine Weile ersetzen kann. Geistige Kultur entsteht nicht in der Leere. In den Ruinen von Warschau aufgewachsen zu sein, erschafft ein anderes Ethos, als groß geworden zu sein im wunderbaren Prag. Ich weiß nicht, ob jemand entscheiden kann, was besser ist.

Übrigens, wir sprachen noch nicht über die Darstellung des Zweiten Weltkrieges in Ihrer Ausstellung.

Wir betrachten die Geschichte nicht objektiv, je weiter entfernt etwas liegt, desto weniger davon wird gesehen, wir wissen nicht, wie das Alltagsleben im 11. Jh. oder sogar im 17. Jh. wirklich aussah. All diese weit entfernten Zeiten kann man betrachten und nach den Mechanismen von Ursachen und Folgen für ein bestimmtes Geschehen suchen. Die Geschichte des 20. Jh.s dagegen ist eine Zeit der Gefühle. Das 20. Jh. hat uns geformt. Meine Generation kam in Berührung mit Menschen, die den Ersten Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit und natürlich die nachfolgenden Zeiten erlebt haben. Dieses schafft eine emotionale Perspektive. Deshalb wird fast die Hälfte der Ausstellung dem 20.Jh. gewidmet sein und der Zweite Weltkrieg wird hier einen besonderen Platz einnehmen. Dieses Thema darf man nicht übergehen. Es geht nicht um die Präsentation von Zeugnissen – die sind zu zahlreich. Ich beziehe mich bei dem Thema auf Werke der bildenden Künstler sowie der Filmemacher. Ich werde keine Bombardierung von Warschau oder Dresden zeigen, sondern beispielsweise den „Kanal“ von Andrzej Wajda oder „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais. Es wird keine Fotos aus Auschwitz geben, statt dessen Kunstwerke von Alina Szapocznikow, Andrzej Wróblewski, Mirosław Bałka, Luc Tuymans, Gerhard Richter, Jochen Gerz… Ich vertraue den Künstlern.

 

Dieser Artikel erschien erstmals in leicht gekürzter Form im Auftrag des Goethe Instituts e. V. unter www.goethe.de

und ungekürzt in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 79

 
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