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Ohne Chance

Onkel Wanja im Neoliberalismus

Ein Stück von Paweł Demirski in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Am besten, man erzählt die Geschichte von ihrem Ende her. Dort berührt sie am meisten. Im Moment der Klarheit, dass alles verloren ist. Und dass man nichts mehr tun kann, um es zu verändern oder aufzuhalten. Das Gefühl der totalen Niederlage, die durch nichts zu mildern ist, nimmt man mit sich nach Hause. So fühlt es sich also an. Es ist eine starke Erfahrung.

Der polnische Dramatiker Pawel Demirski interessiert sich nicht für die Erfolgreichen, Mächtigen, für charismatische Persönlichkeiten, die irgendwer werden, für die Gewinner in dieser Welt. Er bleibt bei den Losern, aber nur bei den kleinen. Herausragende Großverlierer gibt es unter ihnen nicht, es sei denn, man sieht in jedem Menschen seine Größe. Demirski lenkt die Aufmerksamkeit auf die Lage der kleinen Leute und er tut es, ohne Mitleid mit ihnen zu zeigen, ohne die Gründe, die zu ihrem Missgeschick führten, zu erklären oder direkt über größere Zusammenhänge aufzuklären, ohne Suche nach Schuldigen und ohne Gram.

Demirskis Stück „Diamanten sind Kohle auf Arbeit“ gehört nicht ganz in die Gegenwart, obwohl man in ihm häufig Gegenwartsbezüge erkennt. Und wenn über die Schließung nicht nur von Fabriken oder Firmen, sondern sogar von einer ganzen Stadt (angeblich alles unrentabel) debattiert wird, dann weiß man in Polen, dass man es hier mit Wirklichkeit und nicht nur mit einer literarischen Fiktion zu tun hat. Auch eine Bewerbungsszene entspringt direkt heutigen neoliberalen Verhältnissen und jeder kann dies leicht erkennen. Gerüchte über den Reichtum von Bekannten, die es in der Ferne geschafft haben sollen, sind ebenfalls auf heutige Zeiten zugeschnitten.

Für seine Geschichte erfindet Demirski jedoch kein eigenes Personal, das er mit zeitgenössischen Schicksalen ausstattet. Er bedient sich bei Tschechows „Onkel Wanja“. Dabei übernimmt der Dramatiker eigentlich nur die Vorgeschichte der Personen, ihre alte Konstellation und ihre Namen. Die Charaktere der Protagonisten entsprechen nicht mehr denen bei Tschechow. Auch ihre Handlungen sind nicht mehr die alten und – anders als es der Pressetext zum Stück suggeriert – geht hier nicht um eine folgerichtige Fortsetzung des Geschehens bei Tschechow.

Durch den Kunstgriff der Übernahme von alten literarischen Figuren gelingt Demirski eine stärkere Distanzierung zur heutigen Realität als dies mit Hilfe der Schaffung einer eigener Fiktion möglich wäre. Es ist jedoch keine kühle, objektivierende Distanzierung, sondern eine, die viel Raum für zahlreiche Empfindungen schafft. So entsteht ein Theater, das sich seiner selbst bewusst ist und das seine Geschichte in die Kette der Ereignisse der großen Historie einbettet. Die historische Zeitspanne ist länger als ein Jahrhundert. Es ist ein interessanter Gedanke, diejenigen, die verloren haben – sowohl bei Tschechow, wie auch heute – miteinander zu verbinden, ihre Welten und Leben nebeneinander zu stellen. Bei genauerem Betrachten findet man dort tatsächlich viel mehr als man zu entdecken vermuten konnte. Dieses Stück ist eine Bereicherung der Theaterliteratur und man versteht schnell, warum der Autor zu den wichtigsten zeitgenössischen polnischen Dramatikern zählt. Die Bedeutung seines künstlerischen Schaffens spiegelt sich auch in Preisen und Auszeichnungen des Nachbarlandes wider, Demirski ist u. a. Träger des Paszport Polityki – eines in Polen bedeutenden Kulturpreises.

Die Umsetzung der „Diamanten“ hat die Berliner Volksbühne ihrem früheren Mitarbeiter Wojtek Klemm anvertraut und es ist nicht zu übersehen, dass der Regisseur sein Handwerk im Hause lernte. Viele Elemente der Regiewerkstatt stammen eindeutig daher und sind dem Publikum des Hauses gut bekannt: Wiederholungen von Textpassagen, lautes Schreien, „Bühnen-Action“, die vom Text gelöst ist und durch Schauspieler-Improvisationen ausgefüllt wird. Wer weiß, vielleicht möchte das Theater am Rosa-Luxemburg-Platz, dass die dortigen Inszenierungen stilistisch zum Ruf des Hauses passen. Der Stil selbst ist möglicherweise eine Geschmackssache, objektiv gesehen beherrscht Klemm ihn sehr gekonnt, wenn auch ohne Überraschungen.

Manchmal ist es schade, dass das Drama von Demirski gerade nach diesem Regie-„Rezept“ umgesetzt wurde. Zweifellos sichert es dem Abend an vielen Stellen Amüsement, was vor allem den Leistungen aller fünf Schauspieler und der zwei Musiker zu verdanken ist. Es erlaubt jedoch nicht, dass umfassendere und tiefere Bilder entstehen, die die Unstabilität des Lebens in der heutigen, durch Neoliberalismus geprägten Welt sichtbar machen würden, um die daraus resultierenden Konsequenzen stärker bewusst zu machen. Dass es im Stück von Demirski womöglich noch mehr Tiefe gibt, kann man nur vermuten. Die Annahme, dass der Witz, der im Wort des Textes steckt, tragende Kraft besitzt, ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen, obwohl die Inszenierung dies nicht überprüft. Allein schon der Titel selbst - schuftende Kohle, die es schafft, zu Diamant zu werden - und mehrere, meisterhaft von Andreas Volk übersetzte Dialogpassagen, sprechen stark dafür.

Wie dem auch sei, es ist zu begrüßen, dass die Volksbühne sich entschlossen hat, dies Stück in ihrem Haus zu inszenieren. Außer einigen Gastspielen bei Festivals gab es noch keine Aufführung eines Werkes von Demirski in deutschen Theatern. Man muss auch der Idee zustimmen, dieses Drama von Demirski neben einem anderen Stück von Tschechow ins Programm zu nehmen. Eine Fortsetzung verhieße sicherlich Erfolg. Als Empfehlung kann man hier an das ausgezeichnete Stück von Volker Braun „Die Übergangsgesellschaft“ erinnern, das ebenenfalls auf einem Tschechow-Stück („Drei Schwestern“) basiert. Dass dies – anders als es es verdient hätte – wenig gespielt wurde und heute kaum noch bekannt ist, liegt wohl vor allem an der abrupten Deaktualisierung vieler Probleme, die durch die Wende entstand. Dem Stück von Pawel Demirski darf man mehr Glück beim Nachspielen wünschen, auch wenn dies bedeuten könnte, dass die im Text geschilderten Zustände weiterhin bestehen.

Iwona Uberman

Erschienen in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 78

 
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