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Sein oder Nichtsein

Ein deutsch-polnisches Projekt am Maxim-Gorki-Theater Berlin

Man schreibt das Jahr 2011. Es gibt ein vereinigtes Europa und Deutschland und Polen sind seine Mitglieder. Zwischen den beiden Ländern gibt es seit Langem keinen Krieg mehr. Stattdessen spielt man gemeinsam Theater. Herrliche Zeiten. Natürlich erinnert man sich noch an die Vergangenheit, die Zeiten des Krieges sind auf beiden Seiten noch nicht ganz vergessen. Deshalb spielt man auch darüber Theater, über die Zeit als man gegeneinander kämpfte. Um jedoch nicht zu erlauben, dass nur das Tragische über alles bestimmt, steuert man geschickt an, Gleichgewicht einzubringen und die Seite des Komischen bewusst zu betonen. Man entscheidet also, über den Krieg eine Komödie zu spielen. Inzwischen gibt es ja mehrere davon, darunter einige wirklich sehr gute wie zum Beispiel einen der Klassiker, der zu der gegebenen Situation besonders gut passt: „Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch. Bis dahin ist an dieser guten Idee wirklich nichts auszusetzen.

Aber nicht nur gute, sogar geniale Ideen gelingen bei ihrer Umsetzung nicht immer. So ist auch bei dem gemeinsamen Projekt des Berliner Maxim-Gorki-Theaters und des Krakauer Teatr Stary, dessen Ergebnis eine deutsch-polnische Doppelinszenierung von Nick Whitbys Komödie „Sein oder Nichtsein“ in der Regie von Milan Peschel ist, leider nicht alles lobenswert, vor allen, wenn man ins Detail geht. Aber auch in dieser Hinsicht haben sich die Zeiten inzwischen verändert: Man darf streng und ehrlich zueinander sein, ohne gleich der Ressentiments verdächtigt zu werden. Man darf Kritik üben, statt nur diplomatisch höflich zu bleiben, ohne befürchten zu müssen, dass man gleich wieder zum Krieg anstochert, statt Versöhnung und dauerhafte Freundschaft zu festigen. Auch gemeinsame Projekte dürfen auf den Prüfstand. Diese langsam fortschreitende Normalisierung der Verhältnisse ist gut und gesund und bezeugt wachsende Nähe zueinander. Man mag vielleicht manchmal die Vorteile der Schonzeit vermissen, es bleibt einem jedoch nichts anderes übrig: man wächst selbst mit der Zeit.

Jedoch zurück zum Stück. Der Plot dürfte den meisten Zuschauern aus dem Film von Ernst Lubitsch bekannt sein: Während des 2. Weltkrieges werden Schauspieler eines polnischen Theaters in Warschau zu Widerstandskämpfern und beteiligen sich erfolgreich an der Bekämpfung von Nazi-Deutschland, indem sie in spektakulären Aktionen imstande sind, den Führer zu imitieren, für Verwirrung zu sorgen und den Feind zu überlisten. Dieser Vorlage folgt die Theaterfassung streckenweise, wobei sie sich mal von der ursprünglichen Geschichte sehr entfernt, mal plötzlich detailgetreu an nicht immer wirklich wichtigen Stellen in ihr festhält, so dass dem Ganzen nicht selten eine gewisse Unentschiedenheit und Unschlüssigkeit anzusehen ist. Dazu kommt, dass sich in die Story sachliche Veränderungen einschleichen, die unnötig bis ärgerlich sind. Dass man dank ihnen mal einen Lacher hervorruft, macht die Sache nicht besser. Manche von Lubitsch übernommene Witze werden größer und gröber gemacht, hintereinander wiederholt und in einen anderen Kontext gestellt: zur Sicherheit lacht man über sie selbst sehr laut auf der Bühne. Auch die offene Rollenzusammenlegung (Regisseur-Schauspieler und Garderobiere sind eine Person) verändern die Beziehungen zwischen den Personen und schwächen die allgemeine Rahmensituation. Dazu kommt, dass man – wie man im Stück erfährt – die in ganz Polen berühmteste Theaterdiva Maria Tura und ihren ebenfalls als genialen Darsteller geltenden Mann Josef Tura als tollpatschige und bornierte Trottel erlebt. Dasselbe lässt sich über den jungen Verehrer der Diva Stanislaw Sobinski sagen, der laut Beschreibung einer der Elite-Offiziere einer polnischen Flieger-Sondereinheit ist.

Es ist schwer zu sagen, ob die Gegengewichte zur platten Situationskomik in den Szenen schon im Text fehlen oder erst durch Weglassen bei der Inszenierung auf der Strecke bleiben. Das Einbauen einer langen Hamlet-Monolog-Szene sollte vielleicht als Versuch dienen, gegen diese falschen Proportionen zu wirken, misslingt jedoch gänzlich. Schon im Text vorhandene Schwächen werden zusätzlich durch die Darstellungsart der Figuren verstärkt. Das nur auf Hervorheben der Lächerlichkeiten statt des beiläufigen Zeigens menschlicher Macken und Schwächen, auf Plattheit statt Doppelbödigkeit und auf bauernhafte Dummheit statt Widersprüchlichkeit bei unterdurchschnittlichen Charakteren hinauslaufende Spielen verliert sich in seiner Einseitigkeit und nimmt den teilweise bravourös ausgespielten komischen Einzelszenen viel von ihrer Kraft. Nur Wilhelm Eilers als Spion-Professor Silewski gelingt es kurz vor seiner szenischen Hinrichtung, in eine andere Haltung zu wechseln, wodurch die Szene für einen Moment die wirkliche Spannung und Gefährlichkeit der Situation einfängt.

Es ist schade, dass der Regisseur nicht darauf achtete, dass eine wirklich gute Komödie immer von Doppelbödigkeit, vom Wechsel vom Komischen und Tieftragischen lebt. Raum dafür gäbe das Stück genug, sowohl durch die Ausgangssituation als auch bei der möglichen Facettengestaltung der meisten Figuren. Wenn man dazu noch den Eifersuchtsplot nicht so gewaltig exponieren, einige Witzwiederholungen streichen und lange Slapsticknummer straffen würde, wäre dies dem Abend nur zugute gekommen.

Aber es gibt auch schöne Lösungen an diesem Abend: gelungenes Vollziehen des Ortswechsels vom Warschauer Theater zu dem Fliegerlager in England und dann zurück zum Fallschirmspringer in der privaten Wohnung der Turas in Warschau. Auch das Spiel mit den Sprachen ist interessant, was im Fall der Kombination Deutsch-Polnisch viel schwieriger als beim von vielen verstandenem Deutsch-Englisch oder Deutsch-Französisch ist.

Das Ende des Stückes kommt abrupt und wirkt wie ein plötzliches Hineingeraten in eine Sackgasse, aus der man nicht mehr hinaus kann. Die Theatertruppe sitzt auf der Bühne und fragt sich zweisprachig, wie es weiter gehen soll. Sie findet keine Antwort. Im Publikum hat man den Eindruck, dass man in die Situation zufällig geraten ist und weiß wirklich einfach nicht mehr weiter. Die Luft ist raus, vielleicht auch die Lust, aus der Misere herauszukommen. So bleibt man zusammen mit dem Bühnenpersonal irgendwo auf der Strecke, sitzend nach einem halb gelungenen und halb verlorenen Abend. Man hat auch keine große Lust, Bilanz zu ziehen und kann sich selbst nur trösten, dass ja nicht immer alles beim ersten Mal gelingen kann und dass man nicht selten erst durch Übung Meister wird. Und dennoch, wenn man die Lage an ihrem Ausgangspunkt misst: „am Anfang führten Deutschland und Polen Krieg miteinander“, darf man mit dem heutigen Zustand ganz zufrieden sein. Also „Sein“ nicht „Nichtsein“ ist hier erwünscht. Oder wäre es passender zu sagen: „Spiel es noch einmal Sam“?

Iwona Uberman

Erschienen in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 77

 
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