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Fantastisches Theater

Stück einer polnischen Autorin beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2011

Wenn ein junger deutscher Autor gefragt nach dem Thema seines Schaffens mit „Ich bin auf Deutschland und deutsche Angelegenheiten fixiert“ antworten würde, brächte ihm das sicherlich weder Sympathie noch Popularität ein. Jedes Land hat jedoch seine eigenen Sitten und was hier nicht geht, geht vielleicht gut bei den Nachbarn, kulturelle Muster hängen oft mit der Geschichte zusammen. Małgorzata Sikorska-Miszczuk wurde in Polen schon vor einigen Jahren als eine sehr interessante Autorin entdeckt, sie wird geschätzt, gilt aber auch als umstritten. Sikorska hat einen ungewöhnlichen Lebenslauf und vielseitige Schreiberfahrungen. Die in den 60er Jahren geborene Warschauerin studierte Politikwissenschaften und Journalismus in der Hauptstadt und hat bald entschieden, in die Kunst zu wechseln. Sie lernte Drehbuchschreiben an der renommiertesten polnischen Hochschule für Film, Fernsehen und Theater in Lodz (die mit Namen wie Andrzej Wajda, Jerzy Skolimowski und Roman Polanski verbunden ist). Erfolgreich als Drehbuchautorin für Spielfime und Fernsehserien, begnügte sich Sikorska-Miszczuk nicht damit, auf diesem Feld zu bleiben, sondern erweiterte ihr Schaffen um Hörspiele und Erzählungen, auch Werbetexte.

Vom Theater hielt sie sich sehr lange fern, obwohl sie schon immer eine große Faszination für diese Kunstgattung verspürte. Das Leben der Autorin scheint jedoch dadurch bestimmt zu werden, nie angekommen zu sein, sondern stets nach neuen Erfahrungen und weiteren Herausforderungen zu suchen. Preise – es waren nicht wenige – sind für sie Bestätigung aber kein Grund bei „ihrem Leisten“ zu bleiben. Sie sind eher ein Signal, dass es an der Zeit ist, nach Neuem zu suchen. Mit 40 fängt Sikorska  ein Studium von Gender Studies an und stößt gleichzeitig auf ein Projekt des Theaters Teatr Rozmaitości. Die Leiter des Hauses sind der Meinung, dass dramatisches Schreiben handwerklich gelernt werden kann, entgegen der bis dahin im Land verbreiteten Auffassung, dass man als Dramatiker geboren wird und „natürliches Talent“ sowie „Wunder des Schaffens“ alles sind, worauf man sich verlassen muss. Sikorska-Miszczuk meldet sich zur Werkstatt an und ihr erstes Drama „Psychoterapia dla psów i kobiet“ („Psychotherapie für Hunde und Frauen“) wird einer von zwei Texten, die am Ende des Studiums im Teatr Rozmaitości eine öffentliche Lesung erfahren.

2006 gewinnt Sikorska mit dem Drama „Śmierć Człowieka-Wiewiórki“ („Der Tod des Eichhörnchenmenschen“ übersetzt von A. Volk) einen Wettbewerb und erlebt nicht nur die erste polnische Premiere ihres Stückes, sondern auch Lesungen in Schweden und den USA. Die Inszenierung von Marcin Liber wird auf drei Festivals in Deutschland präsentiert: 2007 bei „Cut and Paste“ im HAU in Berlin, bei Transfusion auf Kampnagel in Hamburg und ein Jahr später bei der Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“ in Wiesbaden. „Der Tod des Eichhörnchenmenschen“ handelt von der RAF. Als eine skurrile Farce wird das Leben von Ulrike Meinhof, vermischt mit Fantasie-Erfindungen erzählt, wobei die Fragen, wie werden Menschen von Macht geprägt und wie schlägt sich Politik im Privatleben nieder, über die Geschichte der Journalistin hinausgehen.

Es ist einer der wenigen Texte der Autorin, der  keine polnische Thematik behandelt. Sonst ist Sikorska-Miszczuks’ Thema hauptsächlich ihr Land Polen, genauer gesagt die polnisch-polnischen Angelegenheiten, darunter insbesondere die, die am meisten traumatisch besetzt sind. Die Autorin setzt sich mit schmerzhaften aktuellen Problemen auseinander und sie tut es nicht selten auf eine Weise, die man in Polen „den Stock in einen Ameisenhaufen stecken“ nennt. Sie stellt nationale Stereotypen bloß und kritisiert scharf den polnischen Nationalismus, was in Polen - manch deutscher Leser mag staunen - nicht populär ist.

In ihrer Weltbetrachtung (Selbstbetrachtung inbegriffen) steht Sikorska-Miszczuk in der Tradition von Witkacy, Gombrowicz und Mrożek (der erste von ihnen wartet immer noch darauf, in Deutschland entdeckt zu werden). Alle drei kennzeichnete eine sehr kritische, sogar auslachend-verhöhnende und nicht realistische Sicht auf die Welt. „Realismus ist langweilig, die Avantgarde ist nicht tot“ – Sikorska-Miszczuk drückt einfacher als ihre Vorgänger dieselben Gedanken aus. Diese Einfachheit passt zu ihrer Zeit. Die Autorin plädiert für das Theater des Absurden, für „pure nonsense“ und das Surreale. Das Stück „Szajba“ („Rad ab“, übersetzt von A. Volk) ist eine verrückte, absurde und schwarze Komödie, die in Polen auch als das „komödische Nationaltheater“ bezeichnet wurde. Das Drama wurde als „erste polnische  ’political fiction & comedy’“ gefeiert, übrigens sehr oft verbunden mit der Zusatzbemerkung: „die dazu von einer Frau geschrieben wurde“ – auch das dürfte dem deutschen Leser eher etwas ungewohnt vorkommen.

Das Innovative bei Sikorska-Miszczuk liegt einerseits im Erschaffen einer  neuen Form in der polnischen Dramatik, andererseits im Wiederbeleben und Weiterentwickeln der polnischen Tradition des Absurden. Ein anderes, interessantes Element ihres Schaffens ist die fiktionale und absurde Darstellung von Themen zeitgenössischer Geschichte. Im Fall von „Burmistrz“ („Der Bürgermeister“ übersetzt von B. Voelkel) ist es sogar ein Thema, das in Polen bisher – falls überhaupt angesprochen – fast ausschließlich in dokumentarisch-historischer Form angefasst wurde. Das Drama (ähnlich wie bei der Meinhof-Geschichte) ist vor allem ein Geschöpf der Phantasie, obwohl der Auslöser, der zum Entstehen des Werkes führte, eine von der Dramatikerin gelesene, auf Fakten basierende Zeitungsreportage war. Es war ein Artikel der in Polen bekannten Tageszeitung Gazeta Wyborcza, in dem berichtet wurde, was mit dem Bürgermeister von Jedwabne passierte, nachdem er erste offizielle Feierlichkeiten zum Jahrestag des Mordes im Ort durchführte. Er wurde von den Einwohnern abgewählt und emigrierte in die USA. Um kurz zu erinnern, Jedwabne ist der Ort, wo 1941 unter deutscher Besatzung nicht die SS ein Massaker an jüdischen Bewohnern verübte, sondern die polnischen Mitbewohner. Trotz des  historischen Hintergrundes ist „Der Bürgermeister“ eine bizarre Fantasie-Erfindung, die nicht der Realität sondern der Welt der Kunst entsprungen ist.

Wer nun erwartet, dass Sikorska-Miszczuk zu einer Leitfigur oder Richtungsvorgeberin in der polnischen Literaturwelt werden könnte, wird schnell enttäuscht sein. Auch hier steht die Autorin in der Tradition von Künstlern, die nicht als Vorzeige-Figuren taugen. Man kann sie nicht in eine vornehme Schublade stecken, nicht mal in eine Schublade, die nur für eine Richtung oder Position gilt. Ihre Texte strotzen vor Widersprüchen, viele Aussagen sind politisch und menschlich inkorrekt, man findet Äußerungen, die peinlich sind und nicht in einen gesellschaftlichen Salon gehören, manches bringt die Zuhörer in Verlegenheit. Aber gerade  Sprachschöpfungen und Wortspiele sind Sikorskas Stärke. Sie schöpft aus den Volkssprachen (in einem Land, wo noch vor kurzem Dialekte als unfein galten) und aus der Fäkalsprache (was zwar seit den Erfolgen von Dorota Masłowska nicht mehr ganz verpönt, aber bei der „hohen“ Literatur immer noch nicht gut angesehen ist). Musikalität der Texte ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt.

Das Stück „Der Bürgermeister“ hat sich als einer von acht aus insgesamt 356 Texten, die zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2011 eingereicht worden waren, durchgesetzt. Das diesjährige Motto des Wettbewerbs lautete „Erkenne dich selbst, verrate den anderen“. Man könnte sagen, dass das Drama von Sikorska-Miszczuk mit seinem Thema zu diesem Leitmotiv wie „Arsch auf  Nachttopf“ passt. Es ist anzunehmen, dass eine so formulierte Einschätzung der Autorin gefallen würde. Sie könnte ihrer Feder entstammen.

Iwona Uberman

Erschienen in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 77

 
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