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Getanzte Zeichen

Auftritt des Tanztheaters Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan

Der taiwanesische Choreograph  Lin Hwai-Min beantwortet gern die an ihn gestellten Fragen nach seiner künstlerischen  Arbeit,  dem alltäglichen Training seiner Tänzer, den Hintergründen und Inspirationen für seine letzte Inszenierung. Die konkreten, an das Praktische und Wesentliche  gerichteten Fragen scheinen ihm gut zu liegen. Hier, vor dem an Kultur interessiertem Publikum Singapurs, dem er  inzwischen gut bekannt ist (es ist das fünfte Gastspiel seines Tanzensembles in der Stadt), braucht er keine nirgendwohin führenden, haarspalterischen Fragen nach Anteilen westlicher und östlicher Elemente  seiner Theaterarbeiten – Fragen, die ihm oft in Europa und in den USA gestellt werden und denen er recht ratlos gegenüber steht – zu befürchten. Schließlich besteht das Leben der Singapurianer aus Elementen beider Kulturkreise, Ost und West verbindet sich hier auf der Insel in eine unverwechselbare, wunderbare Einheit. Mischung ist eine Selbstverständlichkeit. Und über prozentuelle Anteile lohnt es sich nicht zu reden.

Wir befinden uns in der Esplanade -Theatres on the Bay, einem architektonisch  beeindruckenden –  übrigens in Singapur teilweise  immer noch umstrittenen – und modernsten Kulturzentren der Welt. Die Vorstellung ist gerade zu Ende, sie eröffnete eine Reihe der Aufführungen, die im Rahmen des Festivals chinesischer Kunst, Chinese Festival of Arts, vom 3. bis zum 12. Februar 2006 präsentiert werden. In einem der Räume  der  Esplanade findet bereits ein Publikumsgespräch mit dem Leiter der taiwanesischen Tanzgruppe Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan statt.

Cloud Gate entstand als die erste chinesische (genauer gesagt: in einem chinesischen Land und aus chinesischen Künstlern bestehende)  Tanzgruppe, die sich der zeitgenössischen Tanzkunst verschreibt. Lin Hwai-Min gründete das Ensemble 1973 in Fu-Hsing in Taiwan. Heute besteht die Truppe aus zwei Dutzend Tänzern, die seit den 90-er Jahren mit ihren Inszenierungen auf allen Kontinenten gastieren. Für einige Tanzkritiker bilden sie die führende Gruppe im modernen Tanz in ganz Asien ( The Times, London ) oder sie werden  gar  als eine der besten Tanzkompanien der Welt (The Globe and Mail, Toronto, Morning Herald, Sydney) bezeichnet.

Nach zwei älteren Aufsehen erregenden Inszenierungen von Lin Hwai-Min „Songs of the Wanderers“ (1994) und „Moon Water“ (1998), die in der Welt enthusiastische Rezensionen ausgelöst haben, bringt die Gruppe eine dritte Arbeit in der Reihe „Cursive“ heraus. Die nacheinander  2001, 2003 und 2005 entstandenen Cursive I, Cursive II und Cursive III wurzeln in der chinesischen Kultur und schöpfen ihre Inspiration vor allem aus der Welt der chinesischen Kalligraphie.

Lin hat in mehreren Interviews über die aufeinander folgenden Schritte bei der Entwicklung der jetzigen Theaterarbeit geschildert.  Ausgangspunkt bildete das Studium der Werke der Kalligraphie. Bei der tiefgehenden Auseinandersetzung mit der Hauptprinzipien und Techniken der Kalligraphie beobachtete der Künstler, dass, wenn man die Stilunterschiede unbeachtet lässt,  alle Pinselwerke eine Gemeinsamkeit aufweisen: es ist die konzentrierte Energie, die die Kalligraphen bei der Erschaffung ihrer Werke ins das Malen auf der Leinwand einfließen lassen. Das Betrachten des Kalligraphen während der Arbeit, seiner Anstrengung, führte bei Lin zu der Entdeckung, dass dieser Kraftakt  im übertragenen Sinn  mit der Anstrengung eines Schwertkämpfers während eines Kampfes  vergleichbar ist. Der Choreograph hat diese Idee nicht gleich in seine Arbeit einbezogen,  nahm sie jedoch später  auf.

Die Arbeit mit den Tänzern, die  in ihrem täglichen Training Übungen  des modernen Tanzes und des  klassischen Balletts, sowie tai chi und Bewegungen der chinesischen Oper und östlicher Kampftechniken und Meditationen ausführen, begann mit Improvisationen. Während auf eine  Wand vor den Tänzern vergrößerte Bilder chinesischer Kalligraphie projiziert wurden, bat Lin die Ensemblemitglieder, über das Gesehene kurze Szenen zu improvisieren. Auf solche Weise entstandenes Bewegungsmaterial wurde zur Basis der späteren Inszenierung.

Aus den Bewegungen, den „Weg“ des Pinsels oder der Tinte zu markieren, mit dem Körper chinesische Schriftzeichen zu gestalten, die sich aus der Spannung zwischen Mustern und Figuren ergebenden Dynamik weiter zu folgen, entstand  eine der Ebenen der Inszenierung. Besondere Kraft und Vitalität des Bewegungsflusses ergab sich durch das Einführen der Bewegungen und Figuren aus der Kampfkunst.

Die visuelle Seite der Inszenierung wurde durch die leere Bühne (die mit Kalligraphien als  Hintergrund  harmonierte) und durch die Lichtdesign-Komposition vervollständigt. Der Lichtdesigner Chang Tsao-Tao, der inzwischen als einer der größten Zauberer der Lichtmalerei gilt, beleuchtet die Bühne in klassischer Strenge mit abstrakten Zeichen , ein Vorgang, der an das Aufrollen kalligraphischer Werke denken lässt. Die akustische Schicht des Werkes bildet die Musik von Qu Xio-Song, einem in Shanghai lebenden, zeitgenössischen chinesischen Musiker. Es ist eine Kammermusikkomposition für ein Cello und drei Schlagzeuge. Die Spannung in der Musik resultiert aus dem Kontrast zwischen dem Fluss des Cellos und den explosiven Markierungen der Schlagzeuginstrumente. Zahlreiche Pausen verleihen der Musik einen meditativen Charakter, was ebenfalls zur Stimmung der Kalligraphiemalerei sehr gut passt.

Dass der Auftritt des Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan vor dem Publikum Singapurs die an ihn gestellten hohen Erwartungen erfüllen wird, galt als sicher. Schließlich hat man längst die begeisterten Rezensionen  über diese Inszenierung in der New York Times, der Chicago Sun Times und der  Süddeutschen Zeitung  wahrgenommen. Man erwartete, dass die Aufführung durch  die Meisterschaft der Körperbeherrschung und Präzision der Bewegungen der taiwanesischen Tänzer fesseln, faszinieren und begeistern wird. Man staunt aber trotzdem über dieses Meisterwerk der Ästhetik und seine einfache Botschaft: „es gibt sie wirklich, die Schönheit in dieser Welt“. Man genießt den Abend und weiß schon jetzt mit Sicherheit: obwohl die nächsten Tage noch einige andere aufregende Veranstaltungen bringen werden,  steht  fest: der Auftritt des Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan gehört zu den Höhepunkten des Festivals.

Iwona Uberman

 
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