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Jenufa an der Komischen Oper Berlin

Es gibt Opern, die man liebt. Die imstande sind, den Zuhörer immer wieder tief zu berühren und mitzureißen, die man nicht nur in der Erinnerung, sondern auch im Herzen trägt. Für viele Opernliebhaber sind es die Opern von Verdi und Puccini, für andere die  von Wagner. Im 20. Jh. finden sich seltener Kompositionen, die große Gefühle im Stil der „alten Klassiker“ beschwören und deren dramatische Wirkung starke Emotionen hervorruft. Zu diesen Ausnahmen gehört Janaceks „Jenufa“, die vielleicht schönste Oper des tschechischen Komponisten, mit der ihm der schon lange verdiente internationale Ruhm  endlich zuteil wurde. Es war die dritte Oper des Komponisten und sie entstand in einer für ihn sehr schwierigen Lebensphase. Seine einzige Tochter Olga erkrankte schwer, lag  lange im Sterben und das Bangen um ihr Leben und auch das Wissen um den baldigen Verlust haben das Entstehen der „Jenufa“ mitgeprägt. Vielleicht sind es diese Umstände, vielleicht aber auch die Geschichte selbst , die dazu führen, dass die Oper einen in ihren Bann zieht. Sie hinterläßt einen tiefen Eindruck noch lange nachdem der Vorhang gefallen ist.

Die Geschichte von „Jenufa“ spielt in einem Dorf in Mähren. Jenufa, die Stieftochter der verwitweten und hoch angesehenen Dorfküsterin Buryja, wartet auf ihren Geliebten Stewa. Er ist gerade zur Musterung und vielleicht wird er bald eingezogen. In diesem Fall werden sie nicht heiraten können. Jenufa hofft und bangt, denn sie hütet ein Geheimnis: sie ist schwanger. Stewa hat Glück, er  muß nicht zum  Militär, angetrunken und berauscht kommt er zurück – und das Feiern kann beginnen. Ausgelassen, mit viel Wodka, mit Tanz und Gesang gibt sich das Dorf Rausch und Fröhlichkeit hin. Keiner merkt die wachsende Verzweiflung von  Stevas Halbbruder Laca. Er liebt Jenufa seit langem und muß nun mitansehen, wie ein anderer sie  bekommt. Aber schnell wendet sich das  Geschehen . Die Küsterin tritt ein, sieht,  dass Stewa wieder betrunken ist, stellt fest, dass das Fest zu einer Orgie auszuufern droht und  faßt einen folgenreichen Entschluß: Stewa muß zuerst beweisen, daß er ihrer Stieftochter würdig ist. Die Hochzeit wird um ein Jahr verschoben. Ein Unglück kommt selten allein. Jenufa wird nicht verehelicht und später an diesem Abend in ihrer Schönheit beschädigt. Aus Eifersucht und von der verzweifelten Jenufa gereizt, zerkratzt Laca mit einem Messer das schöne Antlitz der jungen Frau. Die Narbe wird sichtbar bleiben.

Es ist leicht zu erraten, wie sich die Ereignisse ein halbes  Jahr später entwickeln. Stewa, der unstete Liebling der Frauen, ist in eine andere verliebt und denkt nicht mehr an Jenufa. Laca liebt sie noch immer und will sie heiraten. Als er aber von dem geheim geborenen  Kind erfährt , erschrickt er. Jetzt muß die Küsterin entscheiden, ob sie in die Ereignisse eingreift, um eine glückliche Zukunft der Stieftochter zu sichern. Sie erzählt Laca, daß das Kind längst gestorben sei. Danach paßt sie die Realität ihren Worten an.

Natürlich wird der Mord entdeckt und dies – das macht es hochdramatisch – geschieht am  Hochzeitstag von Jenufa und Laca. Die Küsterin bekennt alles und erst jetzt erfährt Jenufa die Wahrheit. Das Verschwinden des Kindes, die Erklärungen der Stiefmutter, die  Rücksichtslosigkeit von Stewa, alles fügt sich zu einem Bild. Jenufa wird  klar, daß die Küsterin sich für sie geopfert hat. Sie merkt auch, welche Stütze sie in Laca hat. Auch wenn das ganze Dorf die beiden Frauen jetzt ächtet, will Laca das Leben mit Jenufa teilen. Sie entscheiden, zusammen zu bleiben, weil ihre Herzen bereits zueinander gefunden haben.

Es ist schade, aber die Wiederaufnahme von „Jenufa“ im Rahmen der Janacek-Wochen (Inszenierung:  Willy Decker) an der Komischen Oper Berlin ist ein Missgriff. Das Regiekonzept trägt nicht. Auf zwei-drei schöne Bilder hin ausgerichtet  läuft es an dem Inhalt der Oper vorbei und neben der Enttäuschung verbleiben  viele offene Fragen. Warum spielen die Sänger ihr schauspielerisches Können nicht aus und agieren stattdessen  mit platten und klischeehaften Gesten? Wenn Jenufa andeutet, daß sie schwanger ist, hält sie sich am Bauch, wenn Laca seine Verzweiflung über die nahende Heirat Jenufas mit Stewa darstellt, durchlaufen seinen Körper gewaltige, spastische Zuckungen. Warum rennen ständig alle Protagonisten hin und her, rütteln aneinander, fallen über sich her und wälzen sich auf der Bühne? Wie soll man sich das Verhalten der Küsterin erklären, die  Stewa erst bekniet, damit er doch Jenufa heiratet, und dann  im gleichen Atemzug  mit den Fäusten auf ihn einschlägt? Warum müssen alle Hochzeitsgäste im Buryjas Haus – als Zeichen des Entsetzens ? – ununterbrochen die Stühle umwerfen? Antworten sind nicht zu finden. Seien wir jedoch nicht so kleinlich, halten wir nicht an Details fest.

Leider ist es auch nicht möglich, die Gestaltung der Schlüsselszenen zu verstehen. Warum steht ausgerechnet in der Szene, in der wir von Stewa erfahren,  dass er nicht  bereit ist, Jenufa und das heimlich geborene Kind zu sehen, ein großes Bett auf der Bühne , in dem  Mutter und  Kind schlafen? Wie soll man  glauben, daß Laca von der Existenz des Kindes nichts weiß, wenn auch er – wie zuvor Stewa - im Gespräch mit der Küsterin ständig gegen das Bett stößt? Man wird von der  Geschichte  abgelenkt,  schweift in Gedanken  ab, fragt sich, wie es möglich ist, daß dem Regisseur so gravierende Fehler unterlaufen und wundert sich schließlich, dass dies im Verlauf der Proben und der vorherigen Vorstellungen  keinem aufgefallen ist.

Aber lassen wir  das Sezieren. Was bleibt? Da ist die wunderschöne Musik von Janacek (musikalische Leitung: Kirill Petrenko),sind die sehr gut gesungenen Partien der Sänger, die Erinnerung an eine fesselnde Geschichte und eine völlig mißlungene Inszenierung. Also nicht hingehen? Doch, aber seien Sie gewarnt. Gehen Sie hin, wenn Sie die überwältigende Musik von Janacek  auf sich wirken lassen möchten.  Am besten Sie gehen  hin, machen  die Augen zu und lassen  sich von Musik und Gesang tragen. Und wer sich doch fürs Hinschauen entscheidet, macht vielleicht noch eine Entdeckung: nicht mal eine schlechte Inszenierung kann dieser genialen Oper etwas anhaben. Für den Ruf der Komischen Oper Berlin gilt  dieser Satz leider nicht.

Nächste Vorstellungen Komische Oper Berlin: 5. und 11. Juni 2005

Iwona Uberman

Erschienen in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 20

 
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