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Rebellion gegen die Kirche – ein Theaterskandal in Warschau

 

Seit seiner Premiere am 19. Februar 2017 sorgt in Polen „Klątwa“ („Der Fluch“), die Inszenierung am Warschauer Teatr Powszechny nach Motiven aus dem gleichnamigen Stück von Stanisław Wyspiański in der Regie von Oliver Frljić für helle Aufregung. Schon die Uraufführung dieses 1899 entstandenen und durch wahre Begebenheiten inspirierten Dramas des Krakauer Neoromantikers, der zu den Klassikern der polnischen Literatur gehört, rief seinerzeit Entrüstung hervor. Die Geschichte dreht sich um die Beziehung eines Dorfpriesters zu einer Bäuerin, was von der Gemeinschaft geduldet wird, solange sie sie nicht tangiert. Als eines Jahres eine lange Dürreperiode die Existenz der Bauern zu ruinieren droht, muss die Sünde gebüßt werden. Natürlich nur durch die Frau. Die Kirche soll in Ruhe gelassen werden. Alles endet in einer Tragödie und Wyspiański kritisiert gleichermaßen die Kirche, ihre Vertreter und die Verlogenheit der Gläubigen.

Frljić interessiert sich weniger für erotische Frauenaffären der Priester, er nimmt sich eines heute mehr im Fokus stehenden Themas an: der Pädophilie in der Kirche. Er erfindet dafür starke und schonungslose Szenen, was natürlich nationalradikale Katholiken entrüstet. Deshalb stehen an den Vorstellungsabenden Gruppen vor dem Theater, die das Publikum abwechselnd beschimpfen oder es mit Gebeten aufzuhalten versuchen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Arbeit des kroatischen Regisseurs in Polen für Schlagzeilen sorgt. 2013 musste eine Premiere von ihm in Krakau abgesagt werden, da der Intendant des Teatr Stary Jan Klata im Vorfeld mit einer Welle der Proteste konfrontiert wurde, sodass er sich nicht imstande sah, für die Sicherheit des Publikums zu sorgen. Ein anderes Mal, 2015 beim Festiwal Prapremier in Bydgoszcz, erhoben mehrere Personen Klage gegen Frljić‘ Inszenierung über die Flüchtlingskrise „Naše nasilje i vaše nasilje“(„Unsere Gewalt, eure Gewalt“). Eine Überprüfung, ob sich der Regisseur wegen Beleidigung religiöser Gefühle verantworten muss, läuft noch.

Auch die neue Pressediskussion über „Klątwa“ ist aufgeheizt. Sie fokussiert sich vor allem auf die Provokationen, mit denen inzwischen auch diejenigen, die die Aufführung nicht gesehen haben, bestens vertraut sind. Man gibt aufgeregte Klatschberichte wieder, die eine Szene beschreiben, in der ein Denkmal von Johannes Paul II. zuerst für eine Sexszene missbraucht und dann mit einer Tafel „Verteidiger von Pädophilen“ an einem Strick aufgehängt wird. Die Beschreibung einer Szene, in der angeblich zur Ermordung von Jaroslaw Kaczyński, Führer der regierenden PiS-Partei, aufgerufen wird, macht ebenfalls die Runde. Um es gleich richtig zu stellen: aufgrund der Äußerung einer Figur entsteht solch eine Szene allenfalls in der Fantasie der Zuschauer.

Die Berichte der konservativen Presse sind leicht vorstellbar. Die „Rzeczpospolita“ schreibt nach der Premiere, dass die Inszenierung eine diffuse Aneinanderreihung von Geschmacklosigkeiten ist, und dass schon der Gedanke, den in Polen von allen so geschätzten Papst mit dem Thema der Pädophilie in Verbindung zu bringen - auf der Bühne wird der Papst beschuldigt, dass er den Skandal deckte -, ungeheuerlich ist. Ein in letzter Zeit sehr aktiver rechtskonservativer Journalist urteilte in „wSieci“, dass diese Aufführung „von bösen Menschen für andere böse Menschen gemacht wurde“, die Szenen an den Film „Der Exorzist“ erinnern und im Zuschauerraum sich in Augen der linken Zuschauer fast animalische Freude spiegelt.

Die Frontlinien verlaufen diesmal allerdings nicht immer entlang der üblichen Gräben. Beispielsweise brachte der für seine liberalen und PiS-kritischen Ansichten bekannte Radiosender TOK FM einen Bericht, in der „Klątwa“ als eine „faschistische Inszenierung“, gespielt von lauten „kleinen Hitlerchen“ bezeichnet wird. Dieser Meinung sind auch die staatlichen Medien, die inzwischen eine regelrechte Kampagne mit zahlreichen Hasstiraden gegen das Stück und das Theater fahren.

Fachliche Theaterkritik kommt selten zu Wort. Sie ist überwiegend stark beeindruckt und begeistert. In der „Gazeta Wyborcza“ schreibt einer der renommiertesten polnischen Theaterkritiker Witold Mrozek, dass „Klątwa” „eine kompromisslose und freche Inszenierung über Dominanz des aggressiven Katholizismus und Nationalismus“ ist. Der bekannte Theaterwissenschaftler Dariusz Kosiński findet, dass dieser Aufführung etwas sehr Seltenes gelang, nämlich die bisherigen Theatergrenzen zu verschieben, wie es seinerzeit Jerzy Grotowski mit „Apocalypsis cum figuris“ getan hat. Übrigens wird in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass so wie jetzt die Vertreter der polnischen Kirche über die Inszenierung von Frljić beben, es dem Werk von Grotowski 1976 gegangen ist, als der damalige Kardinal Wyszyński von der Kanzel herab meinte, dass in Grotowskis Theaterlaboratorium „wirkliche Schweinereien“ stattfinden, die in einer Gesellschaft mehr Schaden anrichten als Alkoholkonsum.

Zu den interessantesten Aspekten der Inszenierung gehört, dass sie die Grenzen zwischen der Realität und Fiktion durcheinanderbringt. Es ist für viele Zuschauer irritierend, nicht zu wissen, ob die Schauspieler (die sich in manchen Szenen mit ihren privaten Namen vorstellen) Privatpersonen sind oder Theaterrollen spielen, wenn sie sich an die in ihrer Kindheit erlebten Belästigungen durch Priester erinnern. Schwierig ist für manche Zuschauer auch die Form: schnell wechselnde, thematisch und theatralisch sehr verschiedene Szenen, zwischen denen man hin und her pendelt. Die Theaterkritik lobt dagegen eine sehr präzise Struktur und eine differenzierte Narration, die der Regisseur dramaturgisch raffiniert einsetzt, um Spannung aufzubauen und Emotionen zum Kochen zu bringen. Auch in dieser Hinsicht kommen manche Zuschauer durcheinander und nicht jeder ist erfreut über die Gefühle, die diese Aufführung hervorzurufen vermag. Der Rezensent von „dwutygodnik.com“ wundert sich über sich selbst, ein Atheist, der plötzlich eine große Trauer empfindet, dass ein Kreuz, ein Symbol, an dem sein Herz bisher wenig hing, wie ein Baum gefällt wird. Auch Kosiński beobachtet sich mit Staunen, da er die Inszenierung großartig findet, am Schluss aber nicht applaudieren kann.

Der Theaterkritik sind interessante Interpretationen zu verdanken, die zeigen, dass nicht alles bei Frljić nur auf Sensation ausgerichtete Provokation ist. Um in der Szene des Aufhängens des Papstes nicht nur eine leere, bösartige und seichte Provokation zu sehen, schickt Mrozek seine Leser in die polnische Geschichte zurück, in die Zeiten des sgn. insurekcja kościuszkowska (Kościuszko-Aufstand), bei dem das polnische Volk unter der Leitung von Tadeusz Kościuszko, dem späteren Adjutanten von George Washigton, über die Polen-Frage hinaus für Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung kämpfte. Dabei wurden in Auflehnung gegen die Macht der Kirche Porträts von Bischöfen auf Bäumen symbolisch aufgehängt. Heute lebt man nach Mrozek in einem Land, in dem der katholische Glaube missbraucht wird, um Einfluss auf das gesamte Leben des Staates zu nehmen. Das Bild des beliebten, „unseren Heiligen Vaters“ wird dafür gern benutzt – daher ist die Handlung auf der Bühne folgerichtig und „revolutionär“.

In der Spielplanankündigung von Teatr Powszechny heißt es: „In dem Moment, in dem die sehr enge Beziehung zwischen Kirche und Staat untrennbar scheint und die kirchliche Leitung versucht, das Funktionieren von staatlichen Institutionen sowie Einzelentscheidungen von Individuen zu beeinflussen, will das Theater prüfen, ob ein Widerstand gegen diese Mechanismen noch möglich ist.“ Den Reaktionen ist zu entnehmen, dass die Mechanismen weiter funktionieren. Der Paragraf über die „Beleidigung religiöser Gefühle“ wird wieder herangezogen und die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Die Inszenierung des Teatr Powszechny kommt übrigens als Gastspiel im Juni ins Gorki Theater nach Berlin. Es wird also möglich sein, sich über sie ein eigenes Bild zu machen.

 

 

 
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