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Absehbares Desaster

Das legendäre "Teatr Polski we Wrocławiu" in Breslau bekommt einen neuen Intendanten

Die Ankündigung eines Wechsels an der Spitze der Berliner Volksbühne schlug auch in Polen hohe Wellen. Für polnische Theaterliebhaber ist Frank Castorfs Theater schon seit Langem ein wichtiger Ort für Denkanstöße und besondere Theatererlebnisse, regelmäßig reisen sie zu seinen Vorstellungen an. Frank Castorf ist auch ein wichtiger Bezugspunkt für polnische Regisseure wie die auch in Deutschland bekannten Künstler Jan Klata oder Krzysztof Garbaczewski. Der Ablauf des Intendantenwechsels in Berlin und die damit verbundenen Turbulenzen wurden in der Öffentlichkeit Polens aber nur oberflächlich und kurz behandelt, wohl nicht zuletzt deshalb, weil es gleichzeitig auch in Polen einen sehr umstrittenen Intendantenwechsel gab, der die ganze Aufmerksamkeit der polnischen Kulturszene auf sich zog. Es betrifft den Intendantenposten des Teatr Polski we Wrocławiu, das in Deutschland zuletzt bei einem breiteren Publikum durch die Vorfälle um Elfriede Jelineks Stück „Der Tod und das Mädchen“ in der Inszenierung von Ewelina Marciniak für erhebliche Aufmerksamkeit sorgte. Seine Premiere fand Ende November 2015 statt, also kurz nach der letzten polnischen Parlamentswahl, die von der nationalkonservativen Partei PiS gewonnen wurde. Eine der ersten Handlungen des neuen Kulturministers Piotr Gliński war der Versuch, die Premiere aufgrund der Gerüchte, die Inszenierung sei pornographisch, zu verhindern. Er stieß dabei auf den Widerstand seitens des liberalen Teils der polnischen Gesellschaft, Unterstützung hingegen erfuhr er insbesondere durch extrem rechte Gruppierungen wie die „Rosenkranz-Kreuzzügler für das Vaterland“, die am Tag der Premiere den Zutritt zu dem Theatergebäude blockierten und Zuschauer bedrohten. Das Theater gewann die Machtprobe, aber aus heutiger Sicht war es ein Pyrrhussieg.

Nach der Spielzeit 2015/16 ist der bisherige Leiter des Teatr Polski Krzysztof Mieszkowski nicht mehr dessen Intendant. Sein Nachfolger wurde im Eiltempo bestimmt: da der Vertrag von Mieszkowski auslief, wurde im Juli 2016 ein Wettbewerb um den Intendantenposten eröffnet, bereits am 22. August wurde die Entscheidung der Kommission nach knappen Vorstellungsgesprächen mit 6 Bewerbern und nach 16-minutiger interner Beratung, verkündet. Das Ergebnis wurde sicherlich auch durch massiven Druck seitens des Kulturministers beeinflusst, der angekündigt hatte, dass die Gelder für Teatr Polski gestrichen würden, wenn Mieszkowski Leiter bliebe (das Theater wird zur einen Hälfte durch lokale, zur anderen durch ministerielle Mittel finanziert). Die sofortigen Proteste waren heftig und sie dauern bis heute an. Eine größere Protestversammlung fand zuletzt am 8. Oktober in Warschau anlässlich eines Festivalgastspiels des Theaters mit seiner Inszenierung von „Dziady“ („Totenfeier“) statt. „Totenfeier“ in der Regie von Michał Zadara war ein Beitrag des Theaters für „Europäische Kulturhauptstadt Wrocław 2016“. Es ist die erste Umsetzung aller vier Teile des Nationaldramas von Adam Mickiewicz in der Geschichte des polnischen Theaters und dauert 14 Stunden. Sie ist nur eine von vielen sehr erfolgreichen Produktionen unter der Intendanz von Mieszkowski. In dieser Zeit wurde das Wrocławer Teatr Polski zur führenden Theatereinrichtung in der polnischen Theaterlandschaft und gewann sowohl die Anerkennung der Fachleute wie auch die Herzen eines breiten, insbesondere eines jungen Publikums. Oftmals ist es ihm gelungen, in ganz Polen leidenschaftliche Theaterdebatten zu entfachen. Durch die polnische Fachzeitschrift „Teatr“ wurde es mehrfach als bestes Theater des Jahres ausgezeichnet und gilt als moderner und interessanter als die Warschauer Bühnen oder das Teatr Stary in Krakau. Dies ist besonders erwähnenswert, weil üblicherweise die polnische Theaterlandschaft streng hierarchisch geordnet ist: An der Spitze steht Warschau, für die Provinz bleiben nur Plätze auf einer niedrigeren Etage, die einzige Ausnahme ist das Krakauer Nationaltheater Stary. Zu den Kultinszenierungen des Teatr Polski zählen auch zwei Aufführungen von Jan Klata. „Sprawa Dantona“ („Die Sache Danton“) (2008) ist eine energiegeladene, schillernde punk-konservative Aufführung über die Unmöglichkeit einer Revolution in heutigen Zeiten und „Utwór o matce i ojczyźnie“ („Über die Mutter und das Vaterland“) zeigt eine bildreiche, poetische Erzählung über eine schwere Mutter-Tochter Beziehung, über nationale Obsessionen und das Trauma des Lebens im Schatten des Holocaust. Hinzu kommen zwei Inszenierungen des Künstlerpaares Demirski-Strzępka (Autor/Regisseurin): „Teczowa Trybuna 2012“ („Regenbogentribüne 2012“) von 2011 setzt sich mit der polnischen Homophobie auseinander und zeigt den Kampf schwuler polnischer Fußballfans um ihre Rechte und die Schwäche der polnischen Demokratie, das ein Jahr später entstandene Stück „Courtney Love“ verbindet die Geschichte der Karriere von Kurt Cobain und der Band Nirwana mit der Realität des polnischen Showgeschäftes in den 90-er Jahren. Zu erwähnen ist auch die Inszenierung von Krystian Lupa „Wycinka“ aus dem Jahr 2014 nach dem Roman „Holzfällen“ von Thomas Bernhard, die in Polen als ein Meisterwerk gilt und mit der im Sommer 2015 erstmalig ein polnisches Theater das Festival in Avignon eröffnete. Diese Inszenierung erzählt von der Verlogenheit der heutigen Künstlerwelt und der Wehmut der Künstler über die verlorengegangenen Jugendträume. Für eine frühere Umsetzung dieses Stoffes im Theater in Graz bekam Lupa in Österreich den Nestroy-Preis.

Die Liste der Erfolge könnte durch Inszenierungen von Werken von E. Jelinek, W. Gombrowicz oder dem zuvor in Polen kaum bekannten Heiner Müller fortgesetzt werden und es ließe sich dadurch belegen, warum dieses Theater in Breslau als aktuell galt. Sein hohes Niveau verdankte es auch guten Schauspielern und der Mitarbeit RegisseurInnen wie Barbara Wysocka, Krzysztof Garbaczewski, Pawel Miśkiewicz, Ewelina Marciniak und anderen, die neben den schon oben genannten das heutige polnische Theater prägen.

Ein interessantes und neue Wege beschreitendes Projekt war 2012 eine binationale Koproduktion des Teatr Polski mit dem Staatsschauspiel Dresden, die die Inszenierung „Titus Andronicus“ in der Regie von Jan Klata hervorbrachte. Auch auf sprachlicher Ebene trafen hier zwei Kulturen aufeinander und aus dem Kontakt zwischen den die Goten spielenden polnischen und den die Römer verkörpernden deutschen Schauspielern ergaben sich manch überraschende Einblicke.

Das abrupte Beenden der Ära des bisherigen Intendanten, die sich andeutende Zerschlagung des künstlerischen Ensembles und der sonst sehr gut funktionierenden Einrichtung, ohne ihr eine Möglichkeit zu geben, sich in einer letzten Spielzeit von ihrem Publikum zu verabschieden - wie es gerade an der Volksbühne passiert - sind eine Bankrotterklärung der polnischen Kulturpolitik und ein großer Verlust für die kulturinteressierte Bevölkerung. Höchst wahrscheinlich wird man in Polen die Inszenierung „Prozess“ von Krystian Lupa auf Grundlage des Romans von Franz Kafka nicht mehr erleben dürfen, da der Regisseur aus Protest gegen den Intendantenwechsel die seit drei Monaten dauernde Probenarbeit unterbrach. Die noch von K. Mieszkowski geschlossenen Gastspielverträge werden wahrscheinlich eingehalten, aber wird man diese Inszenierungen auch noch in Breslau sehen können? Zurzeit werden die herausragenden Produktionen kaum gespielt, stattdessen stehen das Boulevardstück „Mayday“ von Ray Cooney (seit 21 Jahren im Repertoire) und ein sehr beliebtes Chanson-Soloprogramm (seit 10 Jahren im Repertoire) von Bartosz Porczyk, der bis zur letzten Spielzeit Ensemblemitglied war, auf dem Spielplan. Es bleiben die Vorstellungen von „Totenfeier“ und „Holzfällen“, die in Breslau im Rahmen der Theaterolympiade, also als Gastspiele in der eigenen Stadt, stattfinden.

Man sollte nicht verheimlichen, dass auch der bisherige Intendant eine gewisse Mitschuld an der Situation trägt. Durch das Überschreiten des Budgets gab er den Kulturpolitikern der Wojewodchaft einen Anlass, sich seiner zu entledigen. Angesichts der chronisch unterfinanzierten Kultur in Polen ist allerdings die Einhaltung eines Budgets auch alles andere als einfach. Man konnte auch deutlich sehen, dass die lokalen Politiker keineswegs ein Interesse daran hatten, den Konflikt zu lösen. Ein von der vorherigen Kulturministerin Małgorzata Omilanowska 2014 vorgeschlagener Kompromiss, dem Mieszkowski zugestimmt hatte, wurde von ihnen nie umgesetzt. Stattdessen wartete man ab, bis der Vertrag des Intendanten auslief, um seine Stelle sofort mit jemandem anderen besetzen zu können. Diesem versprach man sogleich, dem Theater die bisherigen Schulden zu erlassen.

Der neue Intendant Cezary Morawski hat anders als Chris Dercon in Berlin keine großen Leistungen und keinen international bekannten Namen vorzuweisen. Morawski hat noch nie ein Theater geleitet, er ist einem breiteren Fernsehpublikum als Schauspieler aus der TV-Serie „M jak miłość“ („L wie Liebe“) bekannt und ist außerdem seit Jahren als Lehrkraft an der Warschauer Schauspielschule tätig. Einige Jahre war er auch Schatzmeister von ZASP (Verband der polnischen Bühnenkünstler), was mit einem Gerichtsprozess endete, da man ihm leichtsinnigen Umgang mit den Finanzen des Verbands vorwarf, was aber offensichtlich für die Auswahlkommission keine Rolle spielte.

Zurückkehrend zu den Verlusten: die polnische Kultur verliert gerade eine ihrer internationalen Visitenkarten, das Teatr Polski vertrat in den letzten Jahren polnisches Theater von Argentinien bis nach China, Korea, Japan und natürlich auch in Europa auf zahlreichen Festivals und Gastspielen. Es knüpfte so an die Wrocławer Theatertradition in den großen Zeiten des „Laboratorium“ von Jerzy Grotowski und dem „Teatr Pantomimy“ von Henryk Tomaszewski an. Viel verliert das Publikum des Teatr Polski, das aus dem ganzen Land nach Breslau pilgerte und dieser Verlust scheint noch schwerwiegender zu sein, als der bei der Berliner Volksbühne. Castorfs Theater wird es weiterhin in seinen künftigen Inszenierungen geben und sie werden ähnlich wie die Inszenierungen von Christoph Marthaler zumindest als Gastspiele auch in Berlin zu sehen sein. Elemente der Volksbühne werden auch in Arbeiten von Werner Fritsch an der Schaubühne zu finden sein. Auch ohne die jetzige Volksbühne wird Berlin eine international gewichtige Theaterstadt bleiben. Anders in Wroclaw, wo das allgemeine Theaterangebot mit dem in Berlin nicht zu vergleichen ist. Im Teatr Polski sind in dieser Spielzeit zwei Premieren angekündigt: Molieres „Der eingebildete Kranke“ und Gogols „Revisor“. Noch immer ist offen, wer Regie führen wird.

Erschienen in: nachtkritik 2016

 

 

 

 

 
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