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Gleich mit zwei Produktionen nahmen die polnische Schauspielerin, Sängerin und Theaterregisseurin Marta Górnicka und ihr Chór Kobiet (Frauenchor) aus Warschau an der dritten Ausgabe des internationalen Festivals zeitgenössischer performativer Künste „Foreign Affairs“ der Berliner Festspiele teil. Bereits vor drei Jahren hatten Marta Górnicka und die mehr als zwei Dutzend Frauen erfolgreich im Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU) gastiert.

In „Magnificat“ ist der Chor der Frauen zum zweiten Mal angetreten, dem tradierten Frauenbild entgegenzutreten. Die Jungfrau Maria, das Sinnbild der katholisch geprägten Sicht auf Weiblichkeit ist Gegenstand des Stückes, Texte von Elfriede Jelinek, Adam Mickiewicz und Euripides, rhythmisches Sprechen und sakrale Musik bilden den Soundtrack Chores.

In „Requiemaszyna" (Requiemmaschine) stehen erstmals Männer und Frauen gemeinsam auf der Bühne und sagen dem herrschenden System den Kampf an. Ausgehend von Texten des polnischen Dichters Władysław Broniewski werden Themen wie Überflüssigwerden der Menschen durch Maschinisierung, Terror der Arbeitslosigkeit und der Arbeitsüberlastung aufs Korn genommen.

Die Kraft des Chores

Iwona Uberman: Der Auftritt Ihres Chortheaters bei dem diesjährigen Festival „Foreign Affairs“ ist nicht der erste Auftritt in Berlin. Im Herbst 2011 protestierte ein Frauenchor auf der Bühne des HAU gegen Idealbilder der Weiblichkeit wie nur eine aufopfernde Mutter und eine gute Hausfrau zu sein, oder Schönheitspflege nur zu machen, um den Männern zu gefallen, kurz gesagt, es protestierte gegen Unterwürfigkeit und Mangel an Individualität. Diese altmodischen Sichtweisen der Weiblichkeit sind jedoch weiterhin vielfach anzutreffen.

Marta Górnicka: (lachend) Leider ja.

Iwona Uberman: In „Magnifikat“ nehmen Sie eine ähnliche Problematik auf. Warum entschieden Sie sich, zu diesem Thema zurückzukehren?

Marta Górnicka: Ich beschäftige mich weiterhin mit den kulturellen Stereotypen bezüglich von Frauen. Ich versuche sie zu brechen, mit ihnen diskutieren, über sie hinaus zu gehen. Aber ich verstehe „Magnifikat“ anders. Für mich ist es ein Essay über die Frau im System der Kirche. Diese Inszenierung setzt sich nicht mit der Religion auseinander – unser Fokus ist Religiosität und ihr Einfluss auf die heutigen Frauen, auf die Frauen in Polen, und im Allgemeinen auf den Menschen in der heutigen Welt. Ich habe dieses Essay in Anlehnung auf zwei Figuren konstruiert, die zwei Seiten einer Figur bilden. Auf der einen Seite ist es die Muttergottes und ihr kulturelles Bild, das in Polen erschaffen wurde: eine Mutter, die gleichzeitig Jungfrau ist, die weint, betet und leise ist, auf der anderen Seite ist es Agaue aus „Die Bakchhen“. Ich versuche, darüber nachzudenken, wie diese Bilder heute die Frauen beeinflussen und ob man sich ihnen widersetzen kann.

Iwona Uberman: „Magnifikat“ ist ein Lied, das in Ihrem Stück einen roten Faden bildet. Was ist seine Rolle?

Marta Górnicka: „Magnifikat“ ist ein Lied, das Maria lobt, oder eigentlich Gottesruhm verbreitet. Es ist eine der wichtigsten und bekanntesten biblischen Aussagen, die man mit der Muttergottes assoziiert. In dem Stück wird dieses Lied tatsächlich auf vielfältige Weise benutzt und verarbeitet, im musikalischen Sinne benutzen wir das fünfstimmige „Magnifikat“ von Bach. Der erhabenste und gleichzeitig fröhlichste Teil erklingt am Ende des Abends, aber dieser Akkord bildet ein Leitmotiv von den ersten bis zu den letzten Noten, obwohl er auf keine selbstverständliche, dafür aber eine sehr konkrete Weise erscheint. Ich denke, dass das Finale trotz allem nicht eindeutig ist – wir versuchen es in einer Poetik der Freiheit zu singen und als Gesang, der kein starres Singen der klassischen oder kirchlichen Chöre ist. Wir singen es fast als Pop-Art und deshalb ist unser Schluss in gewisser Weise auch ironisch.

Iwona Uberman: War das Lied „Magnifikat“ ein Ausgangspunkt beim Kreieren des Abends? Wie arbeiten Sie an Ihren Inszenierungen?

Marta Górnicka: Als Lied kam „Magnifikat“ erst später dazu. Am Anfang war das Thema, die Frau im System der Kirche, im System der Macht der Kirche. Die ersten Worte, die ich mir notierte und die den Anfang für die Aufführung gaben, waren – wie soll ich sie nennen? Ein Wortspiel? – jedenfalls war es „Gott vergelt’s“, von dort aus fing ich an zu schreiben. Ich stelle die Texte gewöhnlich als Collagen zusammen, benutze dafür unterschiedlichste kulturelle und andersgeartete Texte, Kochrezepte, philosophische Abhandlungen, antike Texte. Und üblicherweise spielen gerade diese antiken Texte eine wichtige Rolle, sie sind für mich ein wichtiger Bezugspunkt. Aber ich verwende auch Texte aus dem Alltag, Fragmente aus Zeitungen, und auch „Abfälle“, Sprachreste, die irgendwie in uns funktionieren, von denen wir manchmal nicht genau wissen, woher sie kommen. Sie sind einfach irgendwo in uns, tief verborgen. Es sind nicht selten Texte aus unserer nationalen romantischen Klassik. Es kann Adam Mickiewicz sein, und auch wenn es uns nicht bewusst ist, sind es Dinge, die für uns Polen wichtig sind. Die Sprache bildet für mich immer den Ausgangspunkt. Mein Ziel bei der Arbeit mit dem Chor war, eine neue Sprache zu erschaffen, die ein Ausdruck für die Frauen wird, und darüber hinaus auch eine neue Ausdrucksform für das Theater zu erschaffen. Ich verspürte ein starkes Bedürfnis, eine Sprache für Frauen zu erfinden, die zu ihrer Sprache wird. Auf der anderen Seite spüre ich – und das ist auch ein großes Thema für den Chor – die Schwierigkeiten bei der Suche, was es heißt, mit eigener Sprache zu sprechen und gleichzeitig weiter nach einer Sprache für sich selbst zu suchen. Es ist ein ununterbrochenes Ringen. Also, um eine starke, moderne und vollständige Aussage zu bekommen, entschied ich mich dafür, die Sprachen miteinander zu vermischen, zu versuchen, über sie hinauszugehen. Dadurch, dass die Textfragmente nebeneinandergestellt sich gegenseitig beleuchten, bilden sie verschiedene Bezüge zueinander, führen miteinander Gespräche. Die Texte sprechen nicht immer an sich, sondern erst im Kontext. Das ganze gesammelte sprachliche Material spiele ich mir vor, mixe es miteinander, im Prinzip spiele ich mit der Sprache.

Iwona Uberman: Daher kommt der viele Humor in Ihren Stücken. Sie gaben Gastspiele mit „Magnifikat“ in der ganzen Welt. Sind die Reaktionen auf die Aufführungen in Polen und im Ausland unterschiedlich?

Marta Górnicka: Ich glaube ja. Während ich meine Inszenierung schrieb, dachte ich an Frauen in Polen, im Allgemeinen an Polen, und habe nicht vermutet, dass sie tatsächlich auf der ganzen Welt gezeigt wird. Ich ging nicht davon aus, dass so etwas passiert. Als wir zum ersten Mal nach Frankreich fuhren, wo die Aufführung im Nationaltheater in Straßburg fantastisch angenommen wurde, mit stehenden Ovationen, fingen wir an, uns mit den Zuschauern zu unterhalten, woher ihre Begeisterung kommt. Die Franzosen lasen diese Inszenierung in anderen Schichten, als man es in Polen tat, und sie machten mir bewusst, dass sie universell ist. Für sie beschrieb sie eine Situation, in der Bedrohung durch religiösen Fanatismus, oder einfach durch falsch verstandene Religiosität, entsteht. In Frankreich schaute man auf die Inszenierung nicht aus der katholischen Perspektive, sondern aus der islamischen. Noch andere Zuschauer waren der Meinung, dass es einfach eine Inszenierung über den Menschen ist. In Polen wird „Magnifikat“ ebenfalls gut aufgenommen, aber in der Tat anders. Dazu kommt, dass es in Warschau anders aufgenommen wird als in kleineren Orten. Es ist übrigens paradoxal, dass unser Chor, der in Warschau entstanden ist, viel mehr durch die Welt tourt als durch Polen. Falls wir doch in kleineren Orten auftreten, sind die Reaktionen des Publikums sehr emotional. Die Zuschauer sind berührt, bewegt, und unabhängig davon, ob sie Katholiken und Katholikinnen sind oder nicht, sagen sie alle, dass die Inszenierung eine große Wahrheit enthält. Für mich als Regisseurin ist dies das größte Kompliment.

Iwona Uberman: Ihre Inszenierung ist außerordentlich kritisch. Gab es keine Proteste vonseiten konservativer Katholiken in Polen?

Marta Górnicka: Überraschenderweise gab es keine solchen Stimmen. Ich denke, dass die Inszenierung nicht bis in die extrem rechten Gruppierungen vorgedrungen ist und nicht zu den Leuten, die solche Proteste organisieren. Nur einmal erschien eine Kritik, in der ich als Hexe bezeichnet wurde, und einmal wollte eine Zuschauerin mir gegenüber handgreiflich werden. Aber dies waren Einzelfälle. „Magnifikat“ ist ein radikaler Schritt für Frauen, ein für Frauen in Polen sehr schwieriges Thema. Aber das ist gerade Ziel meiner Arbeit, Themen anzufassen, die schmerzhaft und schwierig für uns sind. Wir müssen es mit ihnen aufnehmen. Das ist ja die Idee des ursprünglichen Chores im Theater. Wir wissen zwar nicht genau, was das Chor in der Antike bedeutete, es sind so wenige Spuren geblieben, aber wir ahnen, dass er eine ungeheure Kraft hatte, dass er eine Macht war. Ich wünsche mir, dass der moderne Chor ähnlich wirkt, dass er bewegt, den Zuschauer anspricht, ihn verändert und eine kathartische Wirkung entfaltet.

Iwona Uberman: „Requiemaszyna“, Ihre nächste Inszenierung nach „Magnifikat“, wurde ebenfalls hier in Berlin bei „Foreign Affairs“ gezeigt. Es ist eine Erweiterung Ihrer Arbeit um nicht-nur-weibliche Stimmen und um Angelegenheiten, die nicht nur Frauen angehen. Wie sehen Ihre weiteren Zukunftspläne aus?

Marta Górnicka: Ich möchte diese Idee des Chortheaters sehr gern weiterentwickeln. In der Tat ist „Requiemaszyna“ ein nächster Schritt. Ich hatte den Eindruck, dass die Idee, den Chor für die Frauen wiederzugewinnen, gut gelungen ist und dass ich jetzt noch weiter gehen kann. „Requiemaszyna“ ist auf eine andere Weise entstanden. Es ist auch ein Schritt in eine andere Richtung. In Zukunft möchte ich starke Aussagen über die heutige Situation in Polen und in Europa formulieren. Meine nächsten Pläne hängen mit einem Theater zusammen, das ich als „Sozial- oder Partizipations-Theater“ bezeichnen würde. Das bedeutet die Öffnung des Chores für soziale Gruppen, die auf eine gewisse Weise keine Stimme haben oder Schwierigkeiten haben, das Wort zu ergreifen. Ich bereite im Herbst ein Projekt in Israel vor, an dem - falls es unter den jetzigen Umständen verwirklicht werden kann - 60 israelische Juden und Araber teilnehmen werden. Ich freue mich darüber, dass es uns gelungen ist, beide Gruppen zu einer gemeinsamen Arbeit einzuladen. Es wird eine Inszenierung über die Leute und Konflikte sein, und ich hoffe, dass dies nicht ohne Komik sein wird. Es ist wohl ein Weg, über diese sehr ernste und schwere Situation zu sprechen.

Übersetzung aus dem Polnischen Iwona Uberman

Erschienen in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 95

 

 
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