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Dran bleiben

Der Roman von Schülerin Dorota Masłowska wird in Polen zum Bestseller


Wer sich ein Bild über die zeitgenössische polnische Literatur machen möchte, wird kaum um den Namen Dorota Masłowska und ihre Bücher herum kommen. Diese vor vier Jahren gerade noch vor dem Abitur stehende junge Frau kann inzwischen auf eine steile literarische Karriere zurückblicken. 2002 erschien ihr Debütwerk „Schneeweiß und Russenrot“ und es schlug wie ein Blitz in die polnische Literaturlandschaft ein. Plötzlich war die Autorin in aller Munde.

Das Buch ist nicht unumstritten. Von der professionellen Kritik wurde es vor allem wegen der künstlichen, Jugendjargon integrierenden und an Fäkalsprache angelehnten neuen, schöpferischen Sprache hoch gefeiert. „Schneeweiß“ fand viele Fans besonders unter Lesern, die gern etwas über die Jugendszene hören und Neues über ihre Entwicklung erfahren wollten. Es fanden sich aber genauso
viele Gegner, die die Frage stellten, ob Masłowskas Text noch Literatur oder nur noch Schreiberei und eine Sammlung von Flüchen sei, und ob man sich das ganze wirklich antun sollte. Für sie war das Buch kein Literaturereignis, sondern Ausdruck der Verflachung und Kommerzialisierung der Literaturwelt oder eine Polen-sucht-einen-Literatur-Superstar-Veranstaltung.

Inzwischen, nach ihrem ebenfalls interessanten zweiten Buch, scheint der Platz der Autorin auf dem aktuellen polnischen Literaturparnass gesichert zu sein. Masłowska nimmt dort einen besonderen Platz als Außenseiterin und Provokateurin ein.

Die Erfolgsgeschichte von Dorota Masłowska erinnert an die Skandalgeschichten, mit denen vor fast 100 Jahren zwei große Vertreter der polnischen Groteske ihren Eingang in die polnische Literaturgeschichte fanden und es ist richtig, diese Parallele zu Witold Gombrowicz und Stanislaw Ignacy Witkiewicz, kurz Witkacy genannt, zu ziehen. Die Beschreibungsbegriffe: Groteske, Provokation, Kritik an allem und allen treffen auf das Buch der jungen Autorin gut zu und ähnlich wie Gombrowicz’ weltberühmte „Ferdydurke“ ist „Schneeweiß und Russenrot“ temperamentvoll mit jugendlicher Frische und Frechheit geschrieben.

Bemerkenswert ist die Rezeption des Buches in Deutschland. Dieses in Polen übereinstimmend als Lektüre für Erwachsene angesehene Buch, ist in Deutschland als Jugendliteratur eingeordnet worden. Als solches wurde es mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2004 ausgezeichnet. Von der allgemeinen Literaturkritik wurde es kaum wahrgenommen (vielleicht liegt es daran, dass auch gute Übersetzungen an Grenzen stoßen, die es unmöglich machen, sprachliche Qualitäten des Werkes genau zu vermitteln; im Fall des Buches von Masłowska ist die Sprache ein wichtiger Aspekt).

Die Handlung spielt in Polen, in einem kleinen Ort nahe der Ostsee. Andrzej Robakowski, von Freunden der Starke genannt, erfährt in einer Bar zwischen einem Glas Mixdrink und einem Joint, dass seine Freundin ihn verlassen hat. Geschockt lässt er sich in einen Sog der Ereignisse treiben, in dem er oft benebelt und dann verkatert ist, von Neuem nach dem Speed sucht, sich mit verschiedenen Frauen einlässt, seinen Hund begraben muss, usw. Das Agieren entgleitet oft aus den Händen des Starken und auch die Leser verlieren manchmal den Überblick über die Entwicklung der Ereignisse.

Masłowska strebt keine realistische Jugendmilieudarstellung an. Schnell setzen schauderhafte Phantasien ein und verzerren die Wirklichkeit zu bizarren, boshaften Alpträumen. Interessant geschildert wird die Wirkung der Drogen, ihre Nachwirkungen, Wirkungen der Nachwirkung auf nächste Handlungen und das systematische Schrumpfen der Außenwelt. Als Thema ist dies natürlich nichts Neues, aber die Bilder sind neu, überraschend und in der Welt der heutigen Jugendkultur verankert.

Der Horizont der Autorin beschränkt sich nicht nur auf die Jugendwelt. Auch die Welt der abwesenden Erwachsenen wird einer Prüfung unterzogen und sie besteht diese Prüfung eher schlecht. Die meisten Erwachsenen sind für ihre Kinder kaum erreichbar, ständig auf der Jagd nach Geld, nach höherem Lebensstandard, nach Erfüllung der Konsumbegierden. Auf die Moral kommt es nicht an, krumme Geschäfte sind in Ordnung, insofern sie zum Erfolg führen, Korruption ist ein Teil des Alltags. All dies ist kein Gegenentwurf zu der kaputten Welt der Jugendlichen und das weiß die junge Generation auch.

Wer jedoch die Autorin als scharfe Gesellschaftskritikerin, die die polnische Gegenwart verurteilt, sehen möchte, irrt. Masłowska spannt sich selbst ins Geschehen ein, sie steht nicht über der Geschichte, hat als Romanfigur ihren eigenen Platz. Als gescheiterte Abiturientin arbeitet sie bei der Polizei, lässt sich korrumpieren und durch den Chef ausnutzen, um weiterzukommen. In ihrem Fall heißt Beförderung: bessere Schreibmaschine, ein Arbeitszimmer mit einem Fenster und eine passende Uniform. Dies erklärt die Figur Masłowska ihrem Helden Andrzej, während sie seine Aussagen auf der Polizeistation protokolliert, übrigens – die Autorin Masłowska lässt grüßen – ohne seine Antworten abzuwarten.

Diese Fantasievielfalt, das wunderbare Durcheinanderbringen von Erfindung und Realität, wirklich überraschende Wendungen in zahlreichen Situationen, großartige verzerrende Bilder bringen zum Staunen, zum Lachen und sorgen für gute Unterhaltung. Das Buch macht nicht betroffen. Es ist aber trotzdem mehr als nur amüsant. Es bietet eine Einsicht in die Welt der Teenager von heute. Und es vermittelt vieles über eine Haltung, die vielen Jugendlichen vertraut sein dürfte. Dies nachzuvollziehen lohnt sich. Nicht nur für diejenigen, die aus Neugier dran bleiben möchten.

Dorota Maslowska, Schneeweiß und Russenrot, Kiepenheuer & Witsch 2004

Erschienen im MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 30

 
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