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„Weit weg von Weihnachten“


Warum es sich lohnt, an den Feiertagen die Ausstellung „Heimat und Exil“ im Jüdischen Museum Berlin zu besuchen


Kein anderes Fest ist stärker mit den Begriffen des Heims, familiärer Harmonie, Wunsch nach Frieden und feierlicher Atmosphäre verbunden als Weihnachten. Bei keinem anderen Fest wird mehr Wert gelegt auf glückliches Zusammensein im Kreis der Familieangehörigen, auf festliches Essen, Geschenke, Ruhe und Zufriedenheit. Auf eine Heimat. Auch heute übt Weinachten auf viele eine starke Faszination aus. Dies betrifft auch diejenigen, für die Religion in ihrem Alltag kaum noch eine Rolle spielt.

Es ist sicherlich nicht schwer vorstellbar, dass die Anziehungskraft der Weihnacht vor 100 Jahren in Deutschland ebenfalls auf ihre Umgebung ausstrahlte. Und es ist vielleicht auch nachvollziehbar, warum viele deutsche Juden (diejenigen, die nicht zum Christentum konvertierten) dieser Kraft erlegen sind. Sie feierten mit, „als Deutsche, nicht als Juden“ indem sie Weihnachten für sich in ein „deutsches Volksfest“ umfunktionierten. Bei vielen jüdischen Familien in Deutschland war Weihnachten das beliebteste Fest des Jahres. Es wurde zum wichtigen Teil ihrer deutschen Identität, ihres Lebens.

Mit Hitlers Machtantritt wurden die deutschen, später andere europäischen Juden schrittweise ausgegrenzt und entrechtet. In Deutschland wurden sie zuerst ihrer beruflichen und gesellschaftlichen Stellung, danach ihrer Bürgerrechte, Lebensweise, ihres Vermögens und ihrer deutschen Identität beraubt. Viele von ihnen bezahlten ihren Irrtum, in Europa eine geliebte Heimat gefunden zu haben, mit dem Leben. Diejenigen, die sich rechtzeitig retten konnten und emigrierten, hatten mit dem Gefühl des großen Verlustes von allem, „was ihr Leben war“, zu existieren. Auch dieses war keineswegs einfach. Es ist erstaunlich, wie selten man sich in Europa der Nachkriegszeit die Frage stellte, was eigentlich mit den vertriebenen Juden passiert ist. Wie ist es ihnen in der Fremde ergangen? Was für ein Leben führten sie dort und haben sie die „alte Heimat“ in ihrem Gedächtnis bewahrt? Oder haben sie, um weiter existieren zu können, alte Bande vollständig zerrissen?

Diesen Fragen widmet sich eine Sonderausstellung im Jüdischen Museum Berlin. Es ist eine umfassende Darstellung der Schicksale deutscher Juden, die teilweise ein-zwei Generationen zuvor aus Osteuropa einwanderten und in der Weimarer Republik deutsche Bürger wurden. Die Ausstellung „Heimat und Exil“ wurde als eine Wanderausstellung konzipiert und wird nach Berlin (bis April 2007) im Haus der Geschichte in Bonn, später in Leipzig zu sehen sein.

Der Fokus der Darstellung liegt auf den Schicksalen der gewöhnlichen Menschen. Die Geschichten der Prominenten, denen in der Welt viele Türen offen standen (A. Einstein, A. Seghers, M. Horkheimer, F. Kortner) werden nicht ausgelassen, aber auch nicht genauer thematisiert. Schließlich waren unter 280.000 emigrierten deutschen Juden (etwa 40.000 davon eingebürgerte Osteuropäer) nur wenige prominent. Einige wurden es mit der Zeit im Ausland: W. Michael Blumenthal, der frühere US-Finanzminister und jetzige Direktor des Jüdischen Museums Berlin, Hans Günter Flieg, der Starfotograf in Brasilien der 50-er Jahre, oder erst nach der Rückkehr in Deutschland Stefan Heym. Die Ausstellungsmacher achteten jedoch darauf, die richtigen Proportionen zu bewahren. „Heimat und Exil“ erzählt vor allem vom Exil der „kleinen“ Leute.

Die Ausstellung fängt mit der (noch) heilen Welt der Weimarer Republik an. Die Juden (ca. 500.000, weniger als 1% der Bevölkerung Deutschlands) bilden ein integraler Teil der deutschen Gesellschaft. Mit ihren kleinen oder größeren Geschäften, Handwerksbetrieben, mit ihren Sitten der bürgerlichen Bildungsgesellschaft (14% der Studierenden im Lande sind Juden, bei den Frauen ist der Anteil sogar noch höher): mit Nachmittagskaffee-Treffen,Theaterbesuchen und karitativen Veranstaltungen fallen sie im sozialen Bild nicht auf. Sie sind Teil der Umgebung und wenn jemand lediglich als Jude wahrgenommen wird, kann man davon ausgehen, dass es sich selten um einen Alteingesessenen, seit Generationen in Deutschland lebenden, inzwischen manchmal sogar Juden christlichen Glaubens handelt, sondern um einen in den 20-er Jahren eingewanderten osteuropäischen Juden, der am Akzent, starker Religiosität und nicht zuletzt am niedrigen Lebensstandard zu erkennen ist. Zwischen – wie man es oft in deutschen jüdischen Kreisen sagt – „diesen Polen, na, du weißt es schon“ (auch wenn es nicht selten keine Polen sondern Russen oder Ukrainer sind), zwischen „den Polen“ und den jüdischen „Deutschen“ verläuft eine Grenze. Auch wenn es viele lange Zeit nicht haben wahrnehmen wollen, geht die heile Welt der Juden in Deutschland 1933 abrupt und unwiderruflich zu Ende.

Die ersten, die es zu spüren bekommen, sind politisch Engagierte und Intellektuelle. Sie sind die ersten, die sich auf den Weg machen müssen. Allerdings sind die meisten von ihnen überzeugt, dass sie Deutschland nur für eine kurze Zeit verlassen müssen. Mit dem Entzug der Existenzgrundlage (Berufsverbote für jüdische Richter im März 1933, jüdische Beamte im April 1933, Schauspieler im März 1934, Musiker im März 1935, Journalisten in April 1936, Ärzte im Juli 1938, Anwälte im September 1938) stellt sich für immer mehr Juden die Frage nach dem Verbleib in Deutschland. Aber wohin gehen?
Und womit? Ohne sprachlichen Kompetenz, ohne Ersparnisse oder Aussichten auf eine gesicherte Existenz (nach 1934 darf man nur ein kleines Teil des Vermögens, nach 1938 nur noch 10 RM pro Person mitnehmen) ist die Zukunft in der Fremde ungewiss.

Das Nazi-Deutschland verfolgt eine widersprüchliche Politik, die die Juden einerseits aus dem Land vertreiben soll, gleichzeitig aber fast unüberbrückbare bürokratische Hürden aufbaut, so dass es kaum möglich ist, das Land zu verlassen. Diejenigen, die es trotzdem schaffen, Dokumente für die Ausreise zu bekommen, sollen das Land verlassen, aber ihr ganzes Eigentum (egal ob groß oder klein) soll natürlich in Deutschland bleiben.

Wohin gehen? Die Bereitschaft des Auslands den Verfolgten längerfristig Schutz und Unterstützung zu bieten, schwindet mit jedem neuen Flüchtling von Tag zu Tag. Entgegen weit verbreiteten naiven Vorstellungen, alle Juden haben ihre Familien überall, verfügen die wenigsten über Kontakte und verwandtschaftliche Beziehungen, die ihnen bei der Emigration helfen könnten. Wohin gehen? Nach Frankreich? In den Jahren bis zur Besetzung durch die deutschen Truppen nimmt Frankreich etwa 100.000 Menschen, unter ihnen viele mJuden auf. Die Flüchtlinge versuchen legal oder illegal ins Land zu gelangen. Wenige dürfen bleiben, viele werden gezwungen, weiter zu emigrieren oder sie werden abgeschoben. Nach Holland? Im November 1938 wird die Grenze geschlossen. Nach Polen? Seit dem Herbst 1938 werden nicht einmal zeitweise
in Deutschland lebende polnische Juden ins Land gelassen. In die USA? Aber wie bekommt man eine für das Visum unerlässliche Bürgschaft von einem US-Bürger, den Affidavit? Und was macht man, wenn die Einwanderungsquote besagt, dass man zwar ein Visum bekommen aber erst in 10 Jahren berechtigt sein wird, in die USA einzureisen? Auf der in der Ausstellung präsentierten Weltkarte werden über 90 Länder markiert, die jüdische Flüchtlinge aus Deutschland aufnahmen. In einigen Ländern finden verhältnismäßig viele Juden Rettung: USA 130.000, Großbritannien 50.000, Frankreich 100.000 (viele
Transitflüchtlinge), Holland 25.000, Argentinien 30.000, Brasilien 15.000, Shanghai 20.000. Auch Palästina, zu dieser Zeit britisches Mandatsgebiet, ist mit 60.000-70.000 Einwanderern ein wichtiges Rettungsland. Andere Länder bieten nur Einzelnen Schutz: Malta 18, Botswana 10, Uganda 2, Malaysia 5, Fidschi Insel 4 Personen.

Die Ausstellung schildert nicht nur die allgemeinen Rahmenbedingungen sondern erzählt auch auf eindrucksvolle Weise von den Schwierigkeiten und nicht selten wenig gelungenen Versuchen, sich in einem neuen, oft zufällig erreichten Land einzuleben. An Einzelschicksalen zeigt sie, wie schwierig es beispielsweise für deutsche Jüdinnen, die ein Visum nach England als Hilfspersonal bekamen, war, den von ihnen erwarteten Verpflichtungen nachzukommen. Viele hatten eine Berufslaufbahn als Journalistinnen, Lehrerinnen, Ärztinnen oder Ehefrauen der höheren Mittelschicht hinter sich gelassen und mussten nun mit verlorenem gesellschaftlichen Status und ungewohnt herablassender Behandlung der „Herrschaft“ fertig werden. Oft emigrierten sie allein und die Sorgen um andere anderswo untergebrachteoder in Deutschland zurückgebliebene Familienmitglieder machten ihren Alltag schwer erträglich. Andere Flüchtlinge, die in ihrer Heimat in geisteswissenschaftlichen Berufen oder als Leiter großer Firmen tätig waren, mussten in den USA oder Palästina ein neues Leben als einfache Farmer oder Landarbeiter akzeptieren.

Berührend ist die Ahnungslosigkeit der Auswanderer in Bezug auf Realitäten ihres neuen Lebens, die anhand von mitgenommenen Gegenständen deutlich wird: ein Porzellankaffeeservice, das man in der Wüste von Palästina nicht gebrauchen konnte, eine Kristallvase, die in Brasilien oder Bolivien überflüssig war. Auch die Versuche, sich an die deutsche Lebensweise festzuklammern, die Wirklichkeit möglichst oft ausblenden und gedanklich weiter „zu Hause“ sein zu wollen, deutsche Theaterstücke aufzuführen, deutsche Kuchen und Wursterzeugnisse – so gut es ging – herzustellen, an deutschen Kleidungsgepflogenheiten (Hemd mit Krawatte auch in der Wüste) oder Sitten (Nachmittagskaffee) festzuhalten, zeigen deutlich, wie schwer es für viele war, sich von der deutschen Heimat zu lösen. Für einige, die sich aus Sicht der in
Deutschland gebliebenen glücklich schätzen konnten, endete der Versuch eines Neuanfangs mit einem Fiasko: aus der Ausweglosigkeit der Situation „retteten“ sie sich in den Freitod.

In dem Ausstellungsraum, der die Emigration nach Frankreich thematisiert, ist die heute noch immer zu wenig bekannte Geschichte des US-amerikanischen Journalisten Varian Fry zu entdecken. Fry, der als einziger US-Amerikaner in Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern gewürdigt wurde, wird manchmal „Oskar Schindler der Künstler“ genannt. Die Rettung aus dem von
den Nazis besetzten Frankreich verdanken ihm mehr als 2000 Menschen, unter ihnen viele Juden: Walter Mehring, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Marc Chagall, Hannah Arendt, Hans Sahl. Oft gegen den Willen des amerikanischen Konsulats in Marseille besorgte Fry Visen für Verfolgte, Schiffspassagen und, als der Hafen in Marseille für die Emigranten geschlossen wurde, verhalf er zur illegalen Flucht über die Pyrenäen nach Lissabon, von wo aus die Flüchtlinge in die USA verschifft wurden. Fry arbeitete im Namen der Nicht-Regierungs-Organisation Emergency Rescue Committee, die sich für die Rettung der in

Frankreich bedrohten Intellektuellen (auch Max Ernst, Heinrich Mann, Andre Breton und Marcel Duchamp bekamen vom ERC Hilfe) einsetzte. Die Aktionen vom ERC stimmten zwar mit der persönlichen Auffassung des Präsidenten

Roosevelt überein, nicht aber immer mit der offiziellen Einwanderungs-Politik der USA in diesen Jahren. Deshalb wundert es nicht, dass Varian Fry schließlich aufgrund des Tipps vom US-Konsulat an die Vichy Regierung Anfang 1942 von der französischen Polizei festgenommen und in die USA ausgeliefert wurde. Die heldenhafte Tätigkeit von Fry ist nach dem Krieg lange Zeit in Vergessenheit geraten. Erst 1967, im Jahr seines Todes, wurde er in Frankreich in die Ehrenlegion aufgenommen. Die Würdigung im Israels Holocaust-Mahnmal kam posthum 1995.

Von den 280.000 emigrierten deutschen Juden ist nur ein kleiner Teil (ca. 6%) nach dem Krieg zurückgekehrt. Die Beweggründe waren unterschiedlich. Für Hilde Domin war die Heimat deutsche Sprache und sie wollte von ihr umgeben leben. Fritz Kortner startete nach der Rückkehr eine zweite Karriere als Regisseur, nicht zuletzt deshalb, um das deutsche Publikum an seine Klassiker zu erinnern: bei seiner Inszenierung von Lessings „Minna von Barmhelm“ in München tobte die Presse, dass Kortner Lessing zusätzliche Texte hinzu geschrieben habe. Kortner konnte beweisen, dass es sich lediglich um durch die Nazi-Zensur gestrichene Textpassagen handelte. Wieder andere Re-Emigranten wollten einfach ihre vertraute Umgebung, ihr Dresden, ihr Berlin, wieder haben. Wie sie mit den Trümmern, die sie oft überraschten, mit der nicht selten feindseligen Aufnahme und mit Beschuldigungen, dass sie „schlimme Zeiten anderswo in Sicherheit verbrachten“ fertig wurden, ist nicht mehr das Thema dieser „Exil“-Ausstellung. Auch die Fragen nach der erneuten Assimilierung und der Wiederaufnahme der alten Sitten, etwa der Tradition des Weihnachtsfeierns, gehören natürlich nicht mehr hierher. Sie bleiben offen.

Aber gerade zu Weihnachtszeiten, Zeiten des verstärkten Wunsches nach Frieden, Fröhlichkeit, Familienharmonie und einer geistigen Heimat, ist es sicherlich anregend, das Schicksal der Menschen zu reflektieren, die unverschuldet lange auf dies alles verzichten mussten. Vielleicht gerade zu Weihnachtszeiten lässt sich die Tragik solcher Lebensläufe besonders gut nachvollziehen. Aus der Vergangenheit zu lernen, dafür zu sorgen, dass in Zukunft „Weihnachten“ für alle eine nur glückliche Zeit bedeutet, ist auch in heutiger Zeit ein erstrebenswertes Ziel. Die Ausstellung „Heimat und Exil“ bietet viele Anregungen, sich diesem zu nähern.

Iwona Uberman

Jüdisches Museum Berlin, „Heimat und Exil“ bis zum 9. April 2007

Erschienen in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 37/38


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