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Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren ist die polnische Dramatikerin Julia Holewińska zum Stückemarkt des 50. Berliner Theatertreffens eingeladen worden. Iwona Uberman hat sie getroffen und nach ihrem Text zum Festival, Erfahrungen mit deutschen Theatern und ihrem neuesten Stück befragt.

Wieder in Berlin

Iwona Uberman: Während des letzten Jahres ist viel passiert, was Ihre Kontakte und Zusammenarbeit mit Deutschland angeht. Wenn man diese Zeit betrachtet, könnte man die Behauptung wagen, dass Sie das Thema der Vergangenheit verlassen und sich von den nur auf Polen bezogenen Themen in Richtung deutsch-polnischer Verhältnisse bewegt haben. Stimmt das?

Julia Holewińska : Nein. Keinesfalls. „Niemandsland“, das Stück, das ich zusammen mit Lothar Kittenstein geschrieben habe und das im letzten Winter in Bonn inszeniert wurde, war nur eines von meinen diesjährigen Projekten. Nur dort befasste ich mich, der Konzeption der Organisatoren und der Hauptidee des Regisseurs Frank Heuel folgend, mit deutsch-polnischen Themen. Am Stückemarkt in Berlin nahm ich mit einem Einakter teil, der meiner Meinung nach weder „polnisch“ noch „deutsch“ ist. Seine Aussage ist universell. Es ist ein Stück über Angst.

Uberman: Sie wurden nun zum zweiten Mal zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens eingeladen. 2012 gelangte Ihr Stück „Fremde Körper“ in das Finale des Wettbewerbs und wurde dort als szenische Lesung präsentiert. Dieses Jahr kehren Sie zu den Festspielen zurück, um zum 35. Jubiläum des Stückemarkts als eine von 35 Autorinnen und Autoren einen neuen Text vorzustellen. War es Ihre Entscheidung „12/70“ nach Berlin zu schicken und es in Form eines Hörspiels dem Publikum zu präsentieren?

Holewińska: Die Organisatoren haben ein Thema ausgesucht, das „Verfall und Untergang der westlichen Zivilisation“ lautete, und sie baten um Texte, die die Länge von 12 Seiten nicht überschreiten. Deshalb wählte ich „12/70“ aus. Danach schlug mir die Leitung des Stückemarkts vor, den Text als ein Hörspiel zu realisieren, was mich sehr freute. Ein Hörspiel ist von längerer Dauer als eine szenische Lesung, die an einem Festivalabend durch Schauspieler vorgetragen wird. Ich habe das fertige Hörspiel noch nicht gehört und bin sehr gespannt, wie es die Deutschen gemacht haben. Die Geschichte selbst ist zwar keinesfalls typisch polnisch, aber die Figuren des Stückes sind Polen. In meinem Stück spielt die „westliche“ Zivilisation eine gewisse Rolle, aber noch wichtiger ist der Verfall, der im Osten stattfand. Die Helden in „12/70“ sind ein alter Kommunist und seine Tochter. Ich wollte der östlichen Generation eine Stimme geben.

Uberman: Also eher polnisch-russische als polnisch-deutsche Angelegenheiten?

Holewińska: Ich bin viel mehr mit den polnisch-russischen Verhältnissen verbunden. Meine Familie wurde in Gulags nach Sibirien verschleppt, die Geschichte, die unseren östlichen Nachbar betrifft, ist mir näher. Ich finde es jedoch sehr interessant, dass sehr viele polnische Dramatiker und Dramatikerinnen über deutsch-polnische Geschichte und Verhältnisse schreiben. Ich hatte es bis zu „Niemandsland“ noch nicht gemacht und auch bei diesem Projekt wollte ich am Anfang, dass es nicht um den Krieg, sondern um die Gegenwart geht. Während des Schreibens stellte sich heraus, dass die Vergangenheit von allein auftaucht. Ich denke, im deutsch-polnischen Verhältnis lässt sich das nicht vermeiden.

Uberman: Wie sah das Schreiben eines Stücks zu zweit aus?

Holewińska: Am Anfang begannen wir gemeinsam, einen Text zu schreiben. Aber Lothar spricht kein Polnisch, ich spreche kein Deutsch. Wir verständigten uns über Englisch, was jedoch - auch wenn man diese Sprache gut beherrscht – fürs Schreiben nicht ausreicht. Vieles entging uns (gegenseitig?), weshalb wir nach zwei Wochen feststellten, dass diese Vorgehensweise unmöglich ist. Zu Beginn haben wir uns vier Storys ausgedacht, die wir gemeinsam schreiben wollten. Danach teilten wir sie auf: Ich schrieb zwei und Lothar zwei. So ist der Text entstanden. Eigentlich habe ich mit gemeinsamen Schreiben viel Erfahrung. Ich schreibe beispielsweise Texte zusammen mit Kuba Kowalski, einem Regisseur, mit dem ich oft als Dramaturgin arbeite, aber wir schreiben zusammen in ein und derselben Sprache. Die Arbeit in Bonn war eine sehr interessante Erfahrung. Ich denke, auch für die Schauspieler.

Uberman: Regisseur Fran Heuel sagte in einem Interview, dass die polnische Schauspielschule anders als die deutsche ist, mehr psychologisch, und dass die polnischen Schauspieler sich zwar schnell seiner Arbeitsweise anpassten, der Unterschied bei den Proben aber sichtbar wurde. Haben auch Sie kulturelle Unterschiede bezüglich des Schreibens wahrgenommen?

Holewińska: Ja, zum Beispiel wenn ich den Schreibstil von Lothar und meinen eigenen betrachtete. Interessant war, dass die Texte von Lothar viel besser beim Publikum in Bonn ankamen, in Polen stießen sie eher auf Unverständnis. Meine Texte dagegen wurden viel besser in Polen aufgenommen. Ich denke, dass es nicht nur mit der Sprache zusammenhing, sondern auch mit der Form. Ich glaube, dahinter stehen unterschiedliche Schreibschulen, obwohl weder Lothar noch ich eine Schreibausbildung absolvierten.

Uberman: Meinen Sie die Herangehensweise an ein Thema?

Holewińska: Meine Art zu Schreiben ist brutaler. Und außer der Form geht es auch um die Wahl der Sprachart. Die Sprache von Lothar ist poetischer als meine, was übrigens meiner Meinung nach im Theater nicht immer funktioniert. So sehe ich das anhand unserer vier Texte. Und aufgrund der Reaktionen des Publikums hier und dort auf diese Texte.

Uberman: Planen Sie in der nächsten Zeit, die deutsch-polnischen Geschichten fortzusetzen?

Holewińska: Momentan eher nicht. Ich glaube, zurzeit möchte ich mich von der Geschichte etwas entfernen. Vor einigen Tagen schrieb ich mein neues Stück fertig. Es ist, würde ich sagen, sehr feministisch. Es wurde für sechs Schauspielerinnen geschrieben. Der Ausgangspunkt ist das Leben und künstlerische Tätigkeit von Irena Krzywicka, einer polnischen Schriftstellerin, Publizistin und Feministin, die fast das ganze 20. Jahrhundert lang erlebt und  von fast allen Katastrophen und Dramen dieser Zeit betroffen wurde – Sitzbankghetto (antisemitische Ausgrenzung in Schulen und Universitäten, I.U.), Verlust des Ehemanns, des Liebhabers, des Sohnes, Verwicklung in den Kommunismus, am Ende die Emigration - aber eigentliches Thema ist das 20. Jahrhundert, gesehen mit den Augen von Frauen. Das Drama „Krzywicka/krew“ („Krzywicka/Blut“) wird im Juni-Heft der polnischen Fachzeitschrift für moderne Dramatik „Dialog“ veröffentlicht. Natürlich komme ich gern wieder mit meinen Stücken nach Deutschland. Zurzeit plane ich aber kein Stück über deutsch-polnische, auch nicht über russisch-polnische Themen. Aber wenn ich eine einzelne Geschichte finde, die ich unbedingt erzählen will, oder ein einzelnes interessantes Thema dazu – wer weiß, warum nicht?

Übersetzung aus dem Polnischen: Iwona Uberman

Erschienen in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 88

 
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