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Ich bastle mir ein neues Leben


Wie Carlotte Salomon und Chantal Akerman versuchen ihre Familiengeschichte zu verändern


Eigentlich ist die Ausstellung „Charlotte Salomon –Leben? oder Theater?“ im Jüdischen Museum Berlin einer jüdischen Künstlerin aus Berlin, die mit 26 Jahren in Auschwitz ermordet wurde, und ihrem faszinierenden Werk, einem Zyklus von Gouachen, die sie in Südfrankreich zwischen 1940 und 1942 gemalt hat und in denen sie ihre Lebens- und Familiengeschichte erzählte, gewidmet.

Wer die ersten Räume der Ausstellung betritt, taucht in eine charismatische, facettenreiche und eindrucksvolle Welt ein. Eine Welt, die die Geschichte zweier jüdischer Berliner Familien (Grunewald und Salomon) erzählt. Ein Singspiel nennt die Tochter von Franziska (geb. Grunewald) und Albert Salomon ihre Erzählung und komponiert sie aus Erinnerungen und Fantasien wie ein gemaltes Theaterstück. Das depressive Erbe der Grunewalds, mit vielen Selbstmorden in der Familie, die Welt der erhabenen Musik der späteren Stiefmutter, der Opersängerin Paula Lindberg, und die Einführung in die Welt der Kunst und die der Liebe durch Alfred Wolfsohn bilden viele Fäden in der Geschichte. Natürlich heißt in dem Bilderzyklus der Wolfsohn nicht Wolfsohn sondern Daberlohn, aus der Stiefmutter wird Paulinka Bimbam, die Großeltern Grunewald werden zu Knarre und Charlotte selbst wird zu Charlotte Kann. Humor und Ironie sind in dem Werk neben der Tragik (auch der Tragik der Zeit), dem Erhabenen der Welt der Oper und der Musiktheorie zu finden. Und natürlich darf hier auch die große Liebe nicht fehlen.

Auch stilistisch gesehen ist das Werk von Salomon eine Entdeckung. Nach konventioneller Ausbildung malt sie ein Werk, das für ihre Zeit durchaus modern und teilweise einzigartig ist. Es ist natürlich nicht immer ausgereift, aber man fragt sich mehrmals, wie weit Charlotte Salomon ihr künstlerisches Können und einen eigenen Stil hätte entwickeln können, wäre sie länger am Leben geblieben. Besonders spannend sind verblüffende Bilderserien und wahrscheinlich durch das Kino inspirierte Nebeneinanderreihungen von Szenen, die Gleichzeitigkeit des optischen Bildes mit dem zeitlichen Nacheinanderablauf der Ereignisse verschmelzen. Dies ist eine sehr emotionale Art, das Erinnerte festzuhalten. Sie enthält gleichzeitig auch eine fast philosophische Dimension.

Lange wollte oder konnte man sich in Deutschland nicht mit dem Werk Charlotte Salomons auseinandersetzen. Die Ausstellungen in den 60-er Jahren, die nicht selten an renommierten Orten stattfanden, stießen auf wenig Resonanz. Vielleicht war das Hintergrundthema der Geschichte für das deutsche Publikum zu schmerzhaft? Die ganz persönlich gesehene Geschichte einer jungen jüdischen Frau, in der der Alltag des Nationalsozialismus vieles überschattete, kam für viele sicherlich zu früh. Vielleicht war es aber auch nur das falsche Etikett, mit dem man dem Werk ein großes Unrecht angetan hat. „Holocaust- Kunst“ hieß die Einordnung, obwohl die Bilder davon keinesfalls erzählen. Erst heute ist man in Deutschland bereit, die Stimmen der damals Ausgegrenzten wahrzunehmen. Viele von ihnen mussten später viel Schrecklicheres erleiden als Salomons Werk es erzählt. Aber auch für die durchschnittliche Not der Juden hatte man lange kein offenes Ohr.

Wer die Räume mit Salomons Bildern und den am Ende liegenden Dokumentationsraum besichtigt hat und anschließend zurückgeht, um noch hier und da einigen Gouachen einen zweiten Blick zu schenken, wird nie erfahren, dass er die Ausstellung nicht bis zu Ende gesehen hat. Wahrscheinlich nur die „Aus-Gewohnheit-Immer-Weiter-Geher“ und diejenigen, die die Werbung des Jüdischen Museums „Nicht das, was Sie erwarten“ verinnerlicht haben, werden nach einem Ausgang dort suchen, wo ihnen die gesunde Vernunft sagt, dass es keinen gebe.

Hinter einer unauffälligen Tür, einem leeren Gang und einer schwarz verhängten nächsten Tür gibt es einen zweiten Teil der Ausstellung, der weder im Titel vermerkt, noch durch Hinweise deutlich ausgeschildert ist. Es enthält die Arbeit der belgischen Künstlerin Chantal Akerman „Neben seinen Schnürsenkeln in einem leeren Kühlschrank laufen“ .Wer Chantal Akerman kennt, weiß gleich, dass man ihr Werk – anders als das von Charlotte Salomon – nicht erst zu entdecken braucht. Akerman ist weltberühmt, vor allem als Film- und Videokünstlerin und sie ist längst nicht nur in Kunstkreisen anerkannt. Vielleicht fürchtete das Jüdische Museum, dass sie Charlotte Salomon Konkurrenz machen könnte und versteckte deshalb ihr Werk so gut, dass man es fast nur durch den Zufall findet. Die Idee der Zusammenstellung beider Werke ist glänzend und es ist schade, dass man sie nicht mutiger umgesetzt hat.

Auch bei Akerman geht es um die Geschichte ihrer eigenen Familie und deren Schicksal vor-während-und nach dem Nationalsozialismus. Chantal Akerman entstammt einer Familie polnischer Juden, die schon in der Zwischenkriegszeit auf der Suche nach Arbeit nach Belgien auswanderte. 1942 wurden die Akermans nach Auschwitz deportiert. Überlebt hat nur Chantals Mutter, die vom Lager nach Brüssel zurückkehrte und über das Erlebte nie sprach. Erst nach Jahren entdeckte Chantal ein Familienschatz, das Tagebuch der Großmutter als junger Frau, das wundersamerweise die Zerstörungen des Krieges überdauert hatte und die Welt und Gedanken der unbekannten Großmutter der Enkelin indirekt zurückgeben konnte.

Die Installation in der Ausstellung zeigt einen Film, in dem auf die Bitte der Tochter Chantals Mutter aus dem polnischen Tagebuch der Großmutter vorliest, es übersetzt und über Inhalte redet. Die hier beginnenden Gespräche über Familie, Vergangenheit und weiteres Leben führen zum ersten Mal sogar bis nach Auschwitz.

Wie sich aus diesen Fragmenten des Erzählten, des Gelesenen und des aktiv Mitgestalteten (die Mutter von Chantal, sie selbst und auch ihre Schwester haben das Tagebuch der Großmutter weitergeführt) eine Familiengeschichte als Semifiktion zusammensetzt, reflektiert ein weiterer Teil der Installation, eine riesige Tüllspirale, auf die Textfragmente projiziert werden. Gedankengänge, Gedankenfetzen, verschiedene Reflexionen machen erlebbar, wie man sich eine Familie nachträglich erschaffen kann, ohne ihre Mitglieder jemals gesehen zu haben. Eine Leere füllen, sie mit Worten und Erinnerungen der anderen beleben, ist der Umgang der Künstlerin Akerman mit ihrer Familiengeschichte.

So wie Charlotte Salomon durch ihr Malen das Erlebte noch einmal auslebt, manches dabei bewußt verändert und als ihre Lebens- und Familiengeschichte festhält, versucht Akerman etwas zu konstruieren, was ihr das wirkliche Leben nicht geben konnte.

Einen interessanten Aspekt des Vergleichs bilden die Farben: die erlebte Vergangenheit bei Salomon ist bunt, auch wenn die Farben oft gleichzeitig die düstere Stimmung der Zeit emotional wiedergeben. Akerman arbeitet ausschließlich schwarz-weiß, die Grenzen ihrer Schöpfungsmöglichkeiten sind hier deutlich spürbar.

Der Besucher, der nur die Charlotte Salomon Ausstellung gesehen hat, wird viele Erlebnisse und Entdeckungen mitnehmen. Er wird trotzdem einige zusätzliche Perspektiven und Reflexionen verpassen und dadurch vielleicht eine ganz andere Ausstellung gesehen haben als jemand, der alles findet. Aber er soll sich trösten: er wird viel weiter sein als potenziell Interessierte für jüdische Kultur in Polen. Unbeabsichtigt und doch zutreffend inszeniert das Jüdische Museum Berlin den dortigen Umgang mit dem Erbe jüdischer Polen. Verschütterter Zugang zu der Thematik, schwer auffindbare Spuren, kaum rekonstruierbare Familiengeschichten und eine reiche Vergangenheit, der man sich noch nicht so zuwendet wie dem Werk Charlotte Salomons in Deutschland.

Iwona Uberman

Jüdisches Museum Berlin, „Charlotte Salomon- Leben? Oder Theater“ bis zum
25.11.2007

Erschienen in MOE-Kultur-Newsletter, Ausgabe 47

 
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